25.09.2023: Die Freiheit des Glaubens (Heb10,32-39 - Dr. Horst Schaffenberger)

Die dreifache Freiheit des Glaubens.
Predigt am 25.09.2023 in Betberg, von Dr. Horst Schaffenberger.

Predigttext: Heb 10,32-39
Gedenkt aber der früheren Tage, an denen ihr, die ihr erleuchtet wurdet, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens, 33 indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid, zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. 34 Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt. 35 Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. 36 Geduld aber habt ihr nötig, auf dass ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. 37 Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. 38 Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm« 39 Wir aber sind nicht solche, die zurückweichen und verdammt werden, sondern solche, die glauben und die Seele erretten.
Mauritius
Einer der wenigen schwarzen Heiligen, die die Kirche kennt, ist der sogenannte Heilige Mauritius. Ganz kurz seine Geschichte: Der Legende nach (gesicherte Informationen hat man nicht, sondern nur das, was man sich aus alter Zeit über ihn erzählt hat) war Mauritius Kommandeur einer Legion, die zur Zeit der römischen Kaiser Diokletian und Maximian bei Theben in Ägypten aus vorwiegend christlichen Männern ausgehoben worden war. Kaiser Maximian hat die sogenannte Thebäische Legion dann seinem Heer einverleibt, das er perfider Weise gegen die Christen jenseits der Alpen einsetzen wollte. Christen sollten gegen Christen kämpfen. Bei der Überquerung der Alpen meuterten die Männer der Thebäischen Legion, da sie nicht gegen ihre Glaubensbrüder ziehen wollten. Das fand im Jahr 303 in der Nähe von Martigny in der Schweiz statt. Maximian gab erzürnt den Befehl, die Legion zu dezimieren, d. h. jeden zehnten Mann hinzurichten, allen voran Maurititus. Der Ort, wo das geschah, heisst heute St. Maurice im Wallis. Ich war vor ein paar Jahren dort, wo man in einer Kirche diesem Märtyrer bis heute gedenkt.  
 
Ich habe mich das immer gefragt: Woher hatten diese Christenmenschen damals diesen Mut, diese Freiheit, so zu handeln genommen? Was war ihr Geheimnis? Überhaupt stellen solche Geschichten mir immer die Frage, wie weit ich wohl gehen würde, für meinen Glauben Unannehmlichkeiten auf mich zu nehmen oder gar zu leiden? Eine gewisse Antwort finden wir in unserem heutigen Predigttext.
 
Denn so startet ja unser Text mit dem konkreten Hinweis darauf, dass die Leute, an die dieser Brief geschrieben wurde, ja ähnliches erlitten haben.
Gedenkt aber der früheren Tage, an denen ihr, die ihr erleuchtet wurdet, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens, 33 indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid, zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. 34 Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet …
 
Ja, so war das einmal, aber diese Tage sind Vergangenheit, um man hat eher den Eindruck, dass die Adressaten im Glauben matt geworden sind und drohen, in der Alltäglichkeit ihres Lebens zu versinken. Resignation scheint sich breit gemacht zu haben.
Deshalb diese aufmunternden Worte. Der Schreiber des Hebräerbriefes erinnert sie daran, was ihnen einmal so wichtig war. Sie sollen das wiederentdecken, was damals die Triebfeder ihrer Leidensbereitschaft gewesen ist. Und was er nun ihnen schreibt, kann vielleicht auch uns heute dienen, Mut und Zuversicht zu fassen.
 
Was ist dieser innere Kern, dies Triebfeder im innern eines Christen, die einen Christenmenschen zu einem mutigen und freien Menschen macht, der bereit ist, für seinen Glauben zu leiden?
Es sind drei Dinge in unserem Text, die diese Triebfeder, diese Freiheit des Glaubens umschreiben.
Die wollen wir jetzt anschauen.
 
  1. Freiheit als innere Zuversicht
 
Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.
 
Dieser Begriff Vertrauen ist hier nicht glücklich übersetzt. Man kann das Wort, das hier steht, eigentlich gar nicht richtig übersetzen, nur umschreiben. Luther hat es mit Vertrauen, an anderer Stelle mit „Freimut“ versucht, andere schreiben Zuversicht. Aber das sagt auch zu wenig, worum es hier geht. Im Griechischen steht hier Paräsia, das ist eigentlich das Recht der freien Rede in der Volksversammlung. Das Bürgerrecht, seine Meinung frei zu äussern. Aber hier geht es noch viel tiefer. Ein paar Verse zuvor, schreibt der Verfasser des Briefes aber deutlich, was er hier meint. Ab Vers 19 schreibt er:
 
Weil wir denn nun, Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu den Freimut haben zum Eingang in das Heiligtum, 20 den er uns eröffnet hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, … (und einen) Hohenpriester (haben) über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in der Fülle des Glaubens, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.
 
Der Schreiber des Hebräerbriefes macht seinen Adressaten deutlich, dass sie einen freien und vollen Zugang als erlöste Menschen zu Gott haben. Wir können zu Gott kommen mit wahrhaftigem Herzen in der Fülle des Glaubens, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.
Das Besondere dieser inneren Freiheit ist, dass wir in Gottes Nähe leben können, in Vertrauen und Sicherheit. Unsere Beziehung zu Gott ist nicht geprägt von einem ängstlichen „Kuschen“ mit eingezogenem Kopf, nicht vom schlechten Gewissen des armen Sünders, sondern das tiefe Wissen, ohne Vorbedingungen, ohne schlechtes Gewissen, geliebt zu sein und von Gott getragen zu werden. In Gott sein, das schafft ein Vertrauensgefühl, ein Sicherheitsgefühl, eine Geborgenheit und eine Freiheit, die einzigartig ist.
Das fühlt sich gut an – würden wir heute sagen. Denn dieses Wissen, sich bei Gott sicher zu fühlen und zu sein, schafft einen Raum der Freiheit, macht unabhängig, befreit uns von alles Ängsten – denn ich bin ja bei Gott safe! Sicher. Er umgibt mich von allen Seiten.
„Wer vor Gott kniet, kann von Menschen geradestehen.“ (Wilhelm Busch).
Das ist diese sogenannte Paräsia. Ein Gesichert Sein in Gott, unumstößlich. Das ist wahre Freiheit! Nichts kann mir im Grunde schaden. Ich bin ja safe bei Gott. Er ist auf meiner Seite. Es ist wie eine geistliche schusssichere Weste.
 
Daran erinnert der Schreiber seine Leute und mahnt: Werft das nicht weg. Auf keinen Fall.
Nur so kann man sich nun auch erklären, warum Märtyer das auf sich genommen haben, für Christus zu leiden. In ihrem inneren Kern fühlten sie sich sicher. „Ich bin bei Gott ja schon zu Hause. Er steht auf meiner Seite. Mir kann eigentlich nichts passieren. Das Leben können sie mir nehmen, meinen Besitz, meine Familie, aber Gott nicht. Der ist mir sicher!“
 
Was wir hier beschrieben haben, könnte man eigentlich auf heute übertragen das Selbstbewusstsein des Christen nennen. Es ist eigentlich auch ein Gottesbewusstsein, das aber selbstbewusst macht. Wer es in sich trägt, wächst über sich selbst hinaus. Tief drinnen ist diese festverankerte Sicherheit, die mutig macht. Wir sollten alles daran setzen, diese Paräsia, diese innere Bewusstheit unseres Heils zu stärken und zu nähren.
 
Einen zweiten Begriff schreibt unser Verfasser, der diese Glaubensfreiheit der Paräsia näher erläutert. Das ist die…
 
  1. Freiheit als Widerstandsfähigkeit (Resilienz)
 
Geduld aber habt ihr nötig, auf dass ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. 37 Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben.
 
Es geht um das Stichwort Geduld. Auch hier müssen wir ein wenig aus den bekannten, eingefahrenen Denkbahnen heraustreten, um zu verstehen, was gemeint ist. Geduld habt ihr nötig, schreibt er. Der Begriff, der hier gebraucht ist, kann genau übersetzt werden mit „Drunter-bleiben“ (hypomonä)
Man ist versucht, zu denken, es geht um ein stilles Drunter-Bleiben, ein sich wegducken, bis der Sturm vorüber ist. Aber es geht hier um mehr. Gemeint ist ein „Aushalten können“. Die Fähigkeit im Leid und Schwierigkeiten nicht die Segel zu streichen, sondern trotzdem aktiv sein Leben zu gestalten. Heute ist das Wort „Resilienz“ in Mode gekommen. Und das beschreibt eine Widerstandsfähigkeit in Schwierigkeiten. Nicht aufgeben, sondern der schwierigen Situation etwas abgewinnen und so damit umgehen zu können. Nicht umfallen und aufgeben, wenn eine Herausforderung und Hindernisse kommen, sondern den Mut haben, Hindernisse zu bewältigen und Herausforderungen anzunehmen.
Vor kurzem haben wir eine langjährige Freundin zu Grabe tragen müssen. Wir waren viele Jahre gemeinsam in einem Hauskreis, waren Kollegen und Freunde. Sie hat über viele Jahre einen Kampf gegen ihren Krebs geführt. Und das Besondere daran war, dass sich sich von ihrer Krankheit nie bestimmen ließ. Sie hat bewusst weitergelebt, ihr Leben gelebt und wollte sich nie nur auf ihre Krankheit reduzieren lassen. Sie hat nie die Opferrolle eingenommen: Warum passiert mir das, sondern gelebt trotz und mit dem Krebs. Damit ist sie uns allen ein Vorbild geworden. Und ein Beispiel für dieses Begriff Geduld. Drunter-Bleiben. Aushalten-Können und dabei (mehr oder weniger) fröhlich weiterleben, solange es geht.
Das spricht der Verf. des Hebräerbriefes seinen Leuten zu:
Geduld aber habt ihr nötig, auf dass ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. 37 Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben.
 
Gestaltet euer Leben in den Schwierigkeiten – nicht gegen sie. Wisst, dass am Ende Gott alles gut macht und auf euch wartet.
 
Auf Kierkegaards Grabstein steht eine Strophe eines dänischen Kirchenliedes von Hans Brorson:
 
Noch eine kurze Zeit, 
dann ists gewonnen,dann ist der ganze Streit
in nichts zerronnen.Dann darf ich laben michan Lebensbächen,und ewig, ewiglichmit Jesus sprechen.
 
 
Und das dritte Wort, das die christliche Freiheit beschreibt, ist die …
 
  1. Freiheit als Glaubensakt
Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm« 39 Wir aber sind nicht solche, die zurückweichen und verdammt werden, sondern solche, die glauben und die Seele erretten.
 
Hier beginnt der Schreiber des Hebr. seine Leute an einen alten Bibeltexts zu erinnern. Er zitiert das alte Testament:
Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben
 
Das Leben als Christ besteht auf vielen kleinen Glaubensakten. Das heisst: Das Leben stellt uns Tag für Tag immer wieder die Aufgabe, konkret zu Glauben. Ein Glaubensakt heisst, dass ich in einer wie auch immer gearteten Situation bewusst glaube. Mir bewusst mache, dass ich in dieser unauslöschbaren Beziehung zu Gott stehe, die mich hält und mir Sicherheit gibt und auch dieser Sicherheit mutig handle oder eine Situation auszuhalten lerne.
 
Von Martin Luther wird erzählt, dass er immer wieder in Situationen, wo er ratlos und am Ende war zu Gott gebetet hat: Lieber Gott, ist es deine Kirche oder meine, also dann gute Nacht. Und hat sich schlafen gelegt. Das ist ein Glaubensakt.
 
Vom berühmten Missionar Chinas, Hudson Taylor, wird berichtet, dass er bei schier unlösbaren Problemen und Schwierigkeiten sich folgende drei Begriffe zu eigen gemacht hat: Unmöglich – schwierig – erledigt. So spricht der Glaube, so geht ein resilienter Glaube damit um: zuerst erscheint die Sache unmöglich zu sein. Dann nur noch schwierig. Schliesslich ist es erledigt.
Amen