10.03.2024 Nur ein Augenblick (Jes 54,7-10 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)
Kindliche Trennungsangst
„Ich bin gleich wieder da. Ich gehe nur kurz ins Zimmer nebenan. Es ist nur ein kurzer Augenblick. Schau, die Türe bleibt offen, ich kann dich die ganze Zeit sehen. Alles ist gut!“
Man könnte noch minutenlang so weiterreden. Es hilft nicht. Das Kind wird schreien, sobald ich die Türe verlasse.
Kennen Sie diese Szene von früher? Ist das bei unserem Taufkind auch schon so? Im Alter zwischen acht und achtzehn Monaten ist die Trennungsangst wohl am größten.
Die Kinder haben verstanden, dass Mama und Papa eigenständige Lebewesen sind und daher auch weggehen könnten. Erst langsam entwickelt sich das Vertrauen: Auch wenn sich Mama und Papa kurz abwenden, sie lieben mich trotzdem und sind immer noch für mich da.
Überleitung und Predigttext
Liebe Gemeinde,
wir sind nicht hier, um Erziehungstipps auszutauschen. Das ist sowieso selten hilfreich. Die Experten für die eigenen Kinder sind und bleiben die Eltern. Punkt.
In unserer Kleinkindphase hätte ich mir am liebsten ein T-Shirt drucken lassen mit den Worten: „Bitte geben Sie mir nur dann einen Tipp, wenn ich Sie darum bitte.“
Doch an diese Erfahrung hat mich unser heutiger Predigttexterinnert. Er steht im Buch des Propheten Jesaja.
7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.
10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.
10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
„Der liebe Gott“?
Ein schöner Text. Poetisch und bildgewaltig, tröstend und ermutigend!
Wenn alles wankt und zerfällt, Gottes Gnade und Gottes Frieden ist unerschütterlich. Nichts, was in dieser Welt und in deinem Leben geschieht, zerstört die Verbindung zwischen dir und ihm.
Ein schöner Text. So schön, dass man fast über das hinwegliest oder hinweghört, was da auch steht: Gott ist zornig. Er hat sich abgewendet, ja vor seinem Volk versteckt.
Passt das zu unserem Bild von Gott? Wir reden ja oft vom „lieben Gott“. Meinen wir damit einen Gott, der einfach nur „lieb und nett“ ist. Ein Gott, der müde lächelt und senil auf seiner Wolke sitzt.
Der Theologe Fulbert Steffensky beklagte vor Jahren die Verniedlichung und Verhaustierung Gottes! Wir haben Gott in unserer Vorstellung gezähmt und zu einem Kuscheltier degradiert.
Gott ist Liebe, ja. Doch Liebe ist nicht gleichgültig, sie ist leidenschaftlich. Liebe ist nicht müde, sondern voller Energie. Liebe ist nicht harmlos, sie ist heilig.
Und genauso schildert die Bibel Gott. Er ist ein Gott, der mit vollem Einsatz um uns Menschenkindern ringt. Ein Gott, der leidenschatlich die Beziehung zu uns sucht.
Unser Predigtext mit seinen ungewöhnlichen Aussagen über Gott muss als Zeichen dieser leidenschaftlichen Liebe verstanden werden. Gott ist zornig, weil er leidenschaftlich liebt. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Zorn, sondern wäre Gleichgültigkeit.
Ein Blick zurück
Doch gleichgültig ist Gott nicht. Er gibt die Menschen nicht auf. Auch vor 2500 Jahren war es so, als dieser Text entstand. Ein kurzer Blick zurück.
Damals war das Volk Israel erobert und ins Exil nach Babylonien verschleppt worden. Jahrzehnte lang hatten die Propheten genau vor dieser Gefahr gewarnt:
„Gott ist zornig. Wenn ihr weiterhin Gott den Rücken zuwendet und seine Gebote missachtet, wird er sich von euch abwenden. Wenn ihr weiterhin die Armen und Schwachen unterdrückt, wird Gott euch aus dem Land vertreiben.“
Das passte nicht zum Bild vom „lieben Gott“. Die Propheten wurden verspottet und ausgelacht, ihre Warnungen überhört.
Dann kam die Katastrophe. Der babylonische König eroberte Jerusalem, zerstörte die Stadt und den Tempel bis auf die Grundmauern. In einer Vision sah der Prophet Ezechiel kurz vorher, wie Gottes Herrlichkeit den Tempel verlässt.
Nun sitzt dieses Volk entmutigt und traurig in Babylonien, verbannt und gefangen in einem Leben, das sie nicht wollen.
Einerseits wächst die Erkenntnis: „Wir haben die Warnung die Ernst genommen.“ Und andererseits die Frage: „Hat Gott uns jetzt endgültig verlassen? Hat er uns aufgegeben?”
Der Prophet Jesaja antwortet in Gottes Namen: Nein.
7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
Ja, Gottes war zornig. Ja, Gott hat sein Angesicht verborgen. Aber das war nur ein kurzer Augenblick in der langen Geschichte.
Die Trennungsangst ist verständlich, aber nicht begründet. Gott ist nur ein paar Schritte aus dem Zimmer gegangen. Die Tür war immer offen. Er hat sein Volk nie aus den Augen verloren. Gott wendet sich ab von der Sünde, aber nicht vom Sünder.
Jetzt kommt er zurück. Er sammelt das zerstreute Volk und bringt die Menschen wieder zurück in ihr Land. Sie dürfen neu beginnen. Reset.
Für die Menschen damals war eine Welt zusammengebrochen. Jetzt verspricht Gott ihnen:
10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
Verbannt, aber nicht verlassen
Wie hören wir diese Worte heute, zweitausendfünfhundert Jahre später?
Manche denken vielleicht an die Menschen, die von der Hamasin den Gaza-Streifen verschleppt wurden. Vielleicht an diejenigen, die durch Krieg ihre Heimat verlassen mussten. Menschen, die erlebt haben, wie ihr gesamtes Leben erschüttert wird.
Andere empfinden - auch jenseits der großen Katastrophen - ihr eigenes Leben so, als wären sie in der Verbannung geraten. Ihre Lebensumstände haben sie von dem wegführen, wo und wie sie eigentlich leben möchten. Sie haben es uns nicht ausgesucht, doch nun sind sie wie verbannt vom eigenen Leben, von ihren Wünschen, Idealen und Träumen.
Hier evtl. konkretes Beispiel erzählen: Krankheit des Ehepartners oder eines anderen Familienmitglieds, lange Pflege.
Manche haben das Gefühl, sich durch falsche Entscheidungenund schlechte Angewohntheiten selbst weggeführt von dem Leben, das sie sich eigentlich erträumt haben.
Manche sind erschüttert, weil das zerbrochen ist, was sie für felsenfest sicher hielten. Was für sie groß und unerschütterlich wie ein Berg und Hügel war.
Die Botschaft unseres Predigttextes könnte dann sein:
Du bist verbannt, aber nicht verlassen.
Wenn sich Gott wirklich von dir abgewandt hat, dann nur einen kleinen Augenblick lang. Die Türe zu ihm ist offen. Mit großer Barmherzigkeit wendet er sich dir zu.
Du bist erschüttert, aber nicht allein.
Wenn deine Welt ins Wanken geraten ist, wenn Berge weichen und Hügel hinfallen, dann bleibt doch eines unerschütterlich: Gott hat Gnade mit dir. Er schenkt dir einen Bund des Friedens.
Ende: Gott wartet darauf, entdeckt zu werden
Er ist da, vielleicht verborgen, aber nicht weit weg. Deine Trennungsangst ist verständlich, aber nicht begründet.
„Wie die Lebensumstände auch sein mögen, Gott ist da, unsichtbar, verborgen; er wartet darauf, von uns entdeckt zu werden.“ (Mike Yaconelli)
Vielleicht geht es uns so wie dem Volk Israel, dass man erst im Rückspiegel erkennt. Gott war immer nur einen kurzen Augenblick verborgen. Seine Gnade und sein Frieden waren wie ein Regenbogen, der sich über das ganze Leben spannte.





