19.05.2024: Ihr werdet erkennen (Hes 37,1-14 - Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn)
Predigt zum Pfingstsonntag, 19.05.2024 - Betberg
Gottesdienst in Betberg am Pfingstsonntag, 19. Mai 2024
Hes 37,1-14 (Basisbibel)
Eigentlich hätten wir die Predigt für den Pfingstsonntag auch gemeinsam vorbereiten können. Wir hätten uns um sechs Uhr getroffen, ein paar Kannen Kaffee und Tee hingestellt, und dann hätten wir einander erst mal den Predigttext vorgelesen, dreimal, ganz langsam. Und wir hätten einander kurz berichtet, was uns aufgefallen ist. Danach hätten wir einander das ganze Buch Hesekiel vorgelesen, 54 Seiten in der Lutherbibel. Und alle halbe Stunde hätten wir unterbrochen und noch einmal den Predigttext gelesen. Das wäre sicher bis etwa um neun Uhr gegangen, und wir hätten nochmal Zeit für einen Austausch gehabt: Was ist uns aufgefallen?
1.
Ganz bestimmt hätte jemand gesagt: „Schon beim ersten Hören des Predigttextes ist mir aufgefallen, dass da ein Satz zweimal vorkommt: ´Ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin.` Und als wir das ganze Buch lasen, kam der Satz noch oft vor.“ Und ein anderer hätte zugestimmt: „Das habe ich auch gleich gemerkt, und dann habe ich mitgezählt, wie oft. Sicher 70 bis 80mal.“ Richtig! Sogar 86mal. Ein Hauptsatz des ganzen Hesekielbuches. Und schon hätten wir das Wichtigste für die Pfingstpredigt beieinander. Pfingsten geht es darum, dass Gott uns dahin bringt, dass wir ihn erkennen. Pfingsten gibt es, weil sich Gott unter uns durchsetzen und sich zur Geltung bringen will. Dass er unsere Aufmerksamkeit gewinnt, uns von unseren Themen wegbringt und auf seine Themen konzentriert. Pfingsten ist das Durchsetzungsfest Gottes. Dass wir unsere Illusionen über ihn in die Tonne kloppen, dass er die Barrikaden abräumt, mit denen wir uns vor ihm schützen wollen, dass er unter uns Einfluss gewinnen kann und mit uns machen kann, was er will. „Ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin.“ Das ist der „Ohrwurm“ des Hesekielbuches. Das soll in uns weiterklingen; wir sollen es nicht mehr vergessen können.
2.
Es hätte wohl auch jemand gesagt: „Mir ist da eine komische Bezeichnung für das Volk Gottes aufgefallen: ´Haus des Widerspruchs` wird es genannt. Nicht im Predigttext, sonst aber mehrmals. Das kam mir so vor: Das ganze Volk eine einzige große WG. Und ich habe weitergedacht: Was haben die WG-Bewohner gemeinsam? Dass sie Gott widersprechen und mit ihm nicht einverstanden sind.“
In der Tat. „Haus des Widerspruchs“ – die mit Gott chronisch Unzufriedenen. Die Meckerer und Motzkis. Die immer den Eindruck haben: Gott tut gerade wieder das Falsche. Wenn er uns etwas schenkt: na ja, so dolle ist das nicht. Und wenn er etwas will, ist es oft ziemlich genau das Gegenteil von dem, was wir wollen. – Auf solche Leute zielt Pfingsten. Pfingsten ist Gottes Gelegenheit, uns das Meckern gegen ihn abzugewöhnen. Aus Trotzköpfen sollen liebevolle Jasager werden, die mit Gottes Wegen einverstanden sind. Ach, ist das ein guter Weg, den Gott mit uns geht!
3.
Und natürlich wäre uns allen aufgefallen, wie drastisch hier von Knochen, von einem ganzen Knochenfeld die Rede ist. Ein hoffnungsloses Knochendurcheinander. Dazu könnte man nicht Friedhof sagen. Ein „Unfriedhof“ ist das. Bis zum Horizont der weiten Ebene: nichts, dass Anlass zu Hoffnung gäbe.
Die Ratlosigkeit von Hesekiel hätten wir wohl alle verstanden. Der hat eine Vision gekriegt, wie man keine haben möchte, eine Horrorvision, und es klingt für manche Ohren zynisch, dass Gott ihn fragt: „Na, was meinst du, können diese Knochen wieder lebendig werden?“
Abee Hesekiel ist Jude. Er hat viel gelernt aus der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Man soll nie „nie“ sagen, wenn es um Gott geht. Ihn bloß nicht aufs Menschenmögliche beschränken. Lieber die Frage an Gott zurückgeben, ergebnisoffen. Es könnte etwas passieren, was nur durch Gott geschehen kann.
4.
Und da hätte sich sicher wieder jemand von uns eingehakt und gesagt: Manches in dem Predigttext erinnert mich an den Schöpfungsbericht. Wie Gott da einem Erdklumpen seinen Lebensgeist einhaucht und so lebendige Menschen entstehen. Das, was Gott hier ankündigen lässt, muss so etwas wie eine neue Schöpfung sein. Gut beobachtet!
5.
Sicher wäre auch ein Einwand gekommen. Der Bibeltext redet doch gar nicht von Pfingsten. Es geht darum, dass da im 6. Jahrhundert vor Christus viele Israeliten im Exil in Babylon lebten und die Einheit des Volkes kaputt war, auf unabsehbare Zeit, und dass Gott Hesekiel ankündigen ließ, er werde sich selber um das Problem kümmern und die Sache wieder auf die Reihe kriegen. – Ein hilfreicher Einwand!
Gerade wenn wir ihn ernst nehmen, wird uns schnell deutlich werden: Was Gott hier den Hesekiel schauen lässt, das hat einen großen Überschuss. Beendigung des Exils: Ja! Aber damit will Gott es nicht genug sein lassen. Die Lösung: Neuschöpfung, lebendig machender Geist ist viel größer als das Problem: Rückkehr aus dem Exil, Wiedervereinigung.
Achtmal werden im Neuen Testament Formulierungen aus unserem Predigttext aufgegriffen, und aus den nächsten Versen noch weitere Formulierungen. Die Sache ist weiter gegangen! Gott hat sich so sehr engagiert, dass da wirklich neue Geschöpfe entstanden sind. Vom Totenfeld zur Vitalität.
Pfingsten: Ein guter Tag für Hes 37! Das Fest des Geistes, der lebendig macht.
„Ich gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig! So werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin.“
Merken Sie, jetzt hätten Sie schon den größten Teil der Predigt selbst vorbereitet, und der Pfarrer hätte still dabeigesessen und sich gefreut. „Hab ich´s doch geahnt, dass die das selber hinkriegen.“
Na gut, soll der Pfarrer auch noch was sagen.
Ist Ihnen aufgefallen, dass in den letzten Jahren noch häufiger als früher von Selbstbestimmung die Rede ist? Und von Fremdbestimmung als dem negativen Gegenüber? Das gibt´s schon sehr lange, aber es wird immer programmatischer und häufiger.
Selbstbestimmt leben!
Das ist richtig gut, wenn wir damit meinen: die anderen nicht bevormunden und zu ihrem Schaden Macht über sie ausüben. Sensibel miteinander umgehen, den Schwächeren und den Andersdenken die Freiräume einräumen, die ihr Leben gelingen lässt. Und Nein sagen, wenn andere plattgemacht werden sollen.
Man hat das aber auch auf Gott ausgedehnt. Der ist für viele der große Fremdbestimmer. Von niemand lassen wir uns fremdbestimmen, von Gott erst recht nicht. Ich bin mein eigener Herr, nur ich.
Dann aber bleibt es beim Totenfeld. Wir können Leben einigermaßen schützen und reparieren, mit großem Aufwand und unzähligen Rückschlägen, aber alles läuft halt doch auf den Tod zu, und das ist gar nicht lustig. Gegen den helfen keine Selbstbestimmungsvorsätze mehr; der braucht keine Argumente, der schafft einfach Fakten. Der allmächtige Fremdbestimmer, der Tod.
Wir glauben nicht an den allmächtigen Tod; wir glauben an Gott, den Heiligen Geist, der lebendig macht.
„Ich gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig! So werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin.“
Ist das gut, wie bei vielen die Sehschärfe zunimmt für das Wirken dieses Geistes!
o Ein 45jähriger, für den Jesus im der Dunkelmannn aus der finsteren Ecke war, erlebt den Heiligen Geist als Beleuchter von Jesus. Der ist ja ganz anders als ich dachte. Jetzt kriegt der ein ganz anderes Image!
o Eine notorische Quasselstrippe wagt es, die Klappe zu halten, und ein neues Hinhören auf Gott kommt ins Leben.
o Ein Individualist lernt „wir“ zu sagen und nennt die Leute, die er im Gottesdienst trifft, „Brüder und Schwestern“ – und meint das so. Vorher waren die anderen Leute halt die Konkurrenten, viele hielt er für Feinde, und die meisten hatte er schlicht nicht wahrgenommen.
o Eheleute reden wieder miteinander und entdecken: Da geht noch was mit uns.
o Menschen fangen an zu singen. Das hatte ihre Seele vorher nicht zugelassen.
o Menschen, die sich selber nicht mehr über den Weg trauten, weil sie mit sich so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, heben wieder den Kopf, und manchmal kann man so welche sogar beim Lachen erwischen!
o Ein Sterbender legt eine Hoffnung an den Tag, da könnten die vitalen Jungen glatt neidisch werden.
„Ich gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig! So werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin.“
Da kann uns nichts Besseres passieren, als dass er sich durchsetzt und zur Geltung bringt.
Über 1800 Pfingstfeste in Betberg: Da kann es passieren, dass jemand Gedanken wagt, die er sich noch nie zu denken getraut hat: Wenn es so wäre, dass der Geist, den alle diese Feste gefeiert haben, auch Kondition hat nach vorne? Ein Herz für mich? Ein Blick, der auf mir ruht und mir sagt: „Um dich würde ich mich gerne kümmern“? Solche Gedanken zu wagen, das sind die Wagnisse, die sich wirklich lohnen. Ihm zu sagen: „Bitte, bitte, setzt dich bei mir durch!“
Also: Gehen Sie doch bitte gleich mit dem Pfingst-Ohrwurm in Ohr und Herz zum Abendmahl und weiter durch den Rest Ihres Lebens: „Ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin.“
Amen.
(Eckhard Hagedorn)





