15.05.2022: Glaube wie ein Senfkorn (Mt 17,20 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)
1. Keine Glaubens-Messlatte
Liebe Jubiläums-Konfirmanden, liebe Gemeinde
Vor einigen Jahren musste ich etwas Tragisches beobachten. Wir standen in der Warteschlange zur Sommerrodelbahn in Todtnau. Es war viel los und es dauerte über eine halbe Stunde, bis wir endlich kurz vor dem Einstieg waren.
Vor uns war eine Familie. Der Junge schwärmt schon die ganze Zeit davon, dass er jetzt endlich alt genug ist, um allein zu fahren. Mama und Papa bremsen ja die ganze Zeit - und das ist ja total langweilig.
Kurz vor dem Einstieg war eine Messlatte. Auf ihr ist die Mindestgröße markiert. Wer kleiner ist, darf noch nicht allein fahre. Der Junge stellt sich davor. Er ist zu kurz. Das Drama war groß.
Stellen wir uns mal vor: An unserer Kirchentüre würde auch eine Messlatte hängen - eine Glaubens-Messlatte. Jeder, der zum Gottesdienst kommt, muss seinen Glauben vorzeigen. Er wird vermessen. Nur, wenn er die Mindestgröße hat, darf man eintreten und mitmachen. Ein absurder Gedanke – und doch vermute ich, dass manche Menschen so empfinden:
„Mein Glaube ist klein und schwach – vermischt mit vielen Zweifeln. Er ist seit meiner Konfirmation damals nur langsam gewachsen - oder sogar im Laufe der Zeit wieder eingegangen.
Ob das reicht, um hier richtig dazu zu gehören. Ob das reicht, um sich Christ nennen zu dürfen?“
2. Nicht die Größe entscheidet
Es ist erstaunlich, was Jesus dazu sagt. Er hat oft über den Glauben gesprochen. Und in seiner typischen Art hat er dazu Vergleiche verwendet, die die Menschen seiner Zeit verstanden. Zweimal vergleicht Jesus den Glauben mit einem Gegenstand aus der Alltagswelt der Menschen damals.
Und nun könnte man vermuten, dass Jesus etwas Großes und Mächtiges als Vergleich heranzieht: der Glaube als mächtiger Fels in der Brandung, der unerschütterlich und unbeweglich den Stürmen des Lebens trotzt.
Ein schönes Bild, doch Jesus spricht anders vom Glauben – viel realistischer und lebensnäher. Er vergleicht ihn mit einem Senfkorn.
Die Saat des schwarzen Senfs ist das kleinste Samenkorn, das die Menschen damals verwendeten. Ein Senfkorn ist nur 1mm groß und wiegt 1,4 mg. Für ein kg Senfsaat braucht man also 700.000 Senfkörner. Das Senfkorn galt damals als der kleinste Gegenstand, den man mit bloßem Auge sehen kann.
Zweimal im Neuen Testament ist ein Satz über den Senfkornglauben überliefert. Jesus spricht ihn jedes Mal zu seinen Jüngern zu – und zwar immer genau dann, als sie anfangen, an ihrem Glauben zu zweifeln.
Im Matthäus-Evangelium sagt Jesus:
Mt 17,20 „Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr diesem Berg befehlen: ›Geh von hier nach dort!‹ Und er wird dorthin gehen. Dann wird für euch nichts unmöglich sein.“
Dieser Satz ist nicht als Vorwurf gemeint. Jesus legt hier gerade nicht die Messlatte an. Er will nicht sagen: „Jetzt messen wir mal euren Glauben. Oh, er ist nicht einmal senfkorn-groß, sonst könntet ihr ja schon Berge versetzen.“ Das hätte den Jüngern wohl kaum geholfen.
Jesus sagt vielmehr: „Denkt nicht, dass ihr einen unerschütterlichen großen Glauben braucht, um etwas bewirken zu können. Selbst wenn euer Glaube euch nur so groß wie ein Senfkorn vorkommt. Macht nichts. Vertraut darauf. Auch er kann Berge versetzen.“
Warum? Weil es eben nicht auf die Größe des Glaubens ankommt, sondern an wen sich dieser Glaube richtet. Entscheidend ist nicht ein großer Glaube, sondern der Glaube an den großen Gott. Lieber ein kleiner Glaube an den Richtigen, als ein großer Glaube an den Falschen.
Selbst wenn unser Glaube nur zögernd und zaghaft, durchmischt mit Zweifeln ist – sich aber in seiner Zerbrechlichkeit ganz an Gott hängt – dann kann aus diesem kleinen Glauben Großes entstehen.
Jesus ermutigt uns zu einem Senfkornglauben. Ein Glaube, der sich die eigene Schwäche ungeniert eingestehen kann. Der sich aber trotzdem an diesen großen Gott hängt, der große Dinge tun kann.
Das Markusevangelium erzählt von einem verzweifelten Vater. Sein Kind ist schwer krank ist. Als er Jesus begegnet, versucht er erst gar nicht, den Glaubensheld zu spielen und ihn mit der Größe seines Glaubens zu beeindrucken. Stattdessen sagt er ganz ehrlich und ungeschminkt: „Herr, Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ (Mk 9,24). Das ist Senfkornglaube: Glaube, der um seine Schwäche und Zweifel weiß. Glaube, der aber auch die Sehnsucht hat, zu wachsen und größer zu werden.
3. Wachstumsbereit
Denn ein Senfkorn ist zwar klein, aber es ist ein Samenkorn. Es ist auf Wachstum angelegt. In ihm ist schon alles vorhanden, was es braucht, um zu reifen und zu gedeihen.
Kaum zu glauben: Aus dem kleinen Senfkorn wächst eine Pflanze, die bis 1,5m groß werden kann. Es braucht nur fruchtbaren Boden, Wasser und Sonne – dann werden die inneren Kräfte des Samenkorns freigesetzt.
Beim Glauben ist es ähnlich. Er trägt in sich eine große Kraft. Wenn wir ihm die richtigen Wachstumsbedingungen geben, dann wird sich diese Kraft entfalten.
Vielleicht hat Ihr Glaube seit Ihrer Konfirmation vor 50 und mehr Jahren Nahrung, Wasser und Sonne bekommen, um wachsen zu können.
Die drei großen Düngemittel für unseren Glauben kann man sich einfach merken: 3G: Gebet, Gottes Wort und Gemeinschaft mit anderen Christen. Sie machen den Glauben stark und lassen ihn wachsen.
Vielleicht war Ihnen anderes wichtiger. Und sie spüren nun, dass sie da Gott etwas schuldig geblieben sind.
Eine Pflanze, die nicht mehr gegossen wird, kein Licht und keine neuen Nährstoffe bekommt, verkümmert und geht ein. Einem Glauben, den man sich selbst überlässt, geht es ähnlich.
Die gute Nachricht ist: Nicht die Größe entscheidet, sondern die Bereitschaft, zu wachsen. Es ist nie zu spät. Stellen Sie den kleinen Senfkornglauben nicht wieder in irgendeine vergessene Ecke Ihres Lebens. Geben Sie Gott nicht auf, denn er gibt Sie nicht auf.
4. Konfi-Kreuz
Liebe Jubiläums-Konfirmanden
Wir schenken Ihnen zur Erinnerung an diesen Tag heute ein ganz besonderes Kreuz. Es ist ein Kreuz mit drei Senfkörnern drin. Sie sollen euch immer wieder daran erinnern:
Selbst ein kleiner Glaube, der aber bereit ist zu wachsen, versetzt Berge.
Amen.
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Quelle: Dirk Kellner





