06.06.2022: Unter Null (Röm 8,1-2.10-11 - Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn)

Gottesdienst in Betberg am Pfingstsonntag, 5. Juni 2022
Röm 8,1-2.10-11

 
Römer 8,1-2.10-11 (Übersetzung: Basisbibel)
Es gibt also keine Verurteilung mehr für die, die zu Jesus Christus gehören. Das bewirkt das Gesetz, das vom Geist Gottes bestimmt ist. Es ist das Gesetz, das Leben schenkt durch die Zugehörigkeit zu Christus Jesus. Es hat dich befreit von dem alten Gesetz, das von der Sünde bestimmt ist und den Tod bringt.
Wenn Christus in euch gegenwärtig ist, dann ist euer Leib zwar tot aufgrund der Sünde. Aber der Geist erfüllt euch mit Leben, weil Gott euch als gerecht angenommen hat. Es ist derselbe Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt: Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken. Das geschieht durch seinen Geist, der in euch wohnt.
 
Liebe Gemeinde,
wir waren acht oder neun Jahre alt. Es war wohl der letzte Schultag vor den Pfingstferien. Auf dem Nachhauseweg redeten die Zwillinge Doris und Christa über den Heiligen Geist. Vielleicht hatte Lehrer Kruse gesagt, dass Pfingsten etwas mit dem Heiligen Geist zu tun hat. Für die Zwillinge war das wohl etwas Neues. Und ich lief neben ihnen her und verstand nicht mal Bahnhof.
 
Es ist nicht schlimm, wenn es so anfängt.
Man muss nicht erst viel verstanden haben.
Man muss kein Referat über den Heiligen Geist halten können oder gar ein Buch über ihn geschrieben haben, um erste Schritte des Vertrauens zu tun.
Es beginnt immer mit dem Heiligen Geist selbst. Er ergreift die Initiative.
 
Quer durch die Jahrhunderte hindurch hat man den Heiligen Geist den „lebensschaffenden Geist“ genannt. Er ist also nicht bloß selbst lebendig, sondern er macht lebendig.
Er fängt an, und irgendwann wird man aufmerksam, und wenn es gut läuft, beginnt man ihm zu vertrauen, so gut es halt gerade geht.
 
Warum gibt es Pfingsten?
Weil Gott verliebt ist.
Gott ist verliebt!
Gott ist ins Gelingen verliebt!
Gott ist ins Gelingen unseres Lebens verliebt!
Deshalb hat er Pfingsten veranstaltet.
Das war am 29. Mai des Jahres 30, also vor 1992 Jahren.
Lebendig machen - das hat der Heilige Geist auch hier in dieser Kirche immer wieder getan, und wir bitten ihn, dass er daran anknüpft und weitermacht, auch heute morgen.
 
Gott der Heilige Geist und wir haben etwas gemeinsam: Wir fangen nicht bei Null an.
 
Es gibt da aber auch einen Unterschied: Gott der Heilige Geist fängt bei weit unter Null an. Und deshalb können wir bei weit über Null anfangen.
 
Gott der Heilige Geist fängt bei unter Null an.
„Es gibt also keine Verurteilung mehr für die, die zu Jesus Christus gehören.“
„Also“ – das ist eine Schlussfolgerung aus dem, was Paulus vorher geschrieben hat. Da stehen vorher schon zehn Seiten Römerbrief in der Bibel. Auf denen steht, dass wir Menschen einen Haufen Ausreden haben, wenn Gott uns nahekommt. Dass wir schwach sind (Röm 5,6), dass wir Sünder sind (Röm 5,8), sogar dass wir uns als Feinde benehmen (Röm 5,10), die sich auf keinen Fall von Gott gefangennehmen lassen wollen.
 
Wenn aus uns noch etwas werden soll, muss der Heilige Geist erst mal die Barrikaden abbauen, hinter denen wir uns verschanzt haben. Und wenn wir abhauen, hinter uns herrennen, uns einholen, ausbremsen, uns zu Gott hin umdrehen.
 
Der Heilige Geist muss erst mal Jesus ins rechte Licht setzen. Der hat nämlich bei den Leuten ein falsches Image. Die meinen, er wolle ihr Leben eng und klein machen. Jesus wirkt auf die meisten zunächst bedrohlich.
Deshalb haben die Leute normalerweise wie die alten Rittersleut´ in ihrer Burg die Zugbrücke hochgezogen. „Der kommt mir hier nicht rein!“
Wer Pfingsten feiert, feiert Gott den Heiligen Geist als Schwerarbeiter, der uns den Widerstand gegen Jesus genommen hat. Der hat bei uns wirklich unter Null angefangen.
 
Deshalb können wir bei über Null anfangen.
Mit einem Freispruch erster Klasse, der die Tür in die Freiheit weit aufstößt. „Es gibt also keine Verurteilung mehr für die, die zu Jesus Christus gehören.“
 
Der Heilige Geist ist ein guter Jurist.
Von ihm bekommen wir zu hören: „Du bist rechtskräftig freigesprochen.“
Das ist ein ganz besonderer Freispruch. Kein „Freispruch mangels Beweisen“. Die Beweislast gegen uns ist erdrückend.
Im Vers 3, den wir heute überspringen, heißt es von Jesus: „Er verurteilte die Sünde“ dadurch, dass er für uns Mensch geworden ist und für uns gestorben ist.
Das macht die Größe unserer Schuld deutlich. Für einen kleinen Kratzer im Lack hätte Jesus nicht sterben müssen. Unsere Lage ist aussichtslos ohne Jesus.
 
Das ist nun die zweite große Überzeugungsarbeit, die Gott der Heilige Geist leistet. Die erste: Du hast dir deine Verurteilung redlich verdient.
Die zweite: „Du darfst Gott deinen Freispruch glauben.“
Das ist manchmal noch schwerer als die Verurteilung einsehen.
Das ist Schwerarbeit des Heiligen Geistes, einem verzagten Herzen zu sagen: „Das ist Gottes heiliger Wille, dass du ihm das glaubst: Dir sind deine Sünden vergeben!“
 
Und er passt auf, dass wir das Haus unseres Glaubens nicht falsch zu finanzieren suchen.
Sie kennen das ja. Da ist eine Familie in einer Dreizimmer-Mietwohnung. Als sie heirateten, war da reichlich Platz für das junge Paar. Dann kam das erste Kind, das zweite, das dritte - prima! -, aber jetzt wird´s halt eng. Entschluss: Wir bauen! Und dann wird die Finanzierung durchgerechnet: So viel haben wir gespart. Dazu kommt das Erbe von der Oma. Einiges können wir durch Eigenarbeit machen. Das werden zwar harte Monate, aber sonst können wir´s uns nicht leisten, und schließlich noch der Kredit von der Bank. „Mischfinanzierung“ nennt man das.
Beim normalen Hausbau ist das ganz in Ordnung. Aber das Haus des Glaubens erträgt keine Mischfinanzierung.
Mischfinanzierung des Glaubens wäre von Anfang an Pfusch am Bau. Das geht so nicht. Gott macht da nicht mit. Der will das alles schenken. Anders als geschenkt gibt´s das nicht.
 
Bei weit über Null anfangen. Das schenkt der Gott, der ins Gelingen unseres Lebens verliebt ist. Nicht nur am Anfang, am ersten Pfingsttag des Jahrs 30 oder am ersten Tag eines Christenlebens. Auf diesem Niveau bleibt Gott der Heilige Geist unser ganzes Leben lang.
 
Die beiden letzten Verse helfen, dieses Niveau zu halten.
 
Wenn Christus in euch gegenwärtig ist, dann ist euer Leib zwar tot aufgrund der Sünde. Aber der Geist erfüllt euch mit Leben.
 
Zwar – aber.
Das kennen wir.
  • „Du kannst zwar Mitglied in unserem Verein werden, aber du musst auch pünktlich den Mitgliedsbeitrag zahlen.“
  • Zwar habe ich eine schlechtere Note gekriegt als ich erhofft hatte, aber ich habe die Prüfung trotzdem bestanden.“
  • Zwar hat die Martin noch ein bisschen Fieber, aber die Kopfschmerzen sind weg.“
  • Zwar bin ich in Beate verliebt, aber sie will nichts von mir wissen.“
 
Würden wir Strichlisten führen, wie oft wie im Alltag „zwar…aber“ sagen, das Ergebnis wäre sehr deutlich: Wir alle führen ein „Zwar-aber-Leben“.
 
Das Leben, in dem der Geist Gottes tätig ist, ist auch ein „Zwar-aber-Leben“. Aber ein besonderes.
Das Zwar ist sehr einschränkend.
Euer Leib ist zwar tot aufgrund der Sünde. Paulus meint hier auch die Jesusleute.
Als guter Jude nimmt Paulus den Leib sehr ernst. Ohne Leib geht gar nichts. Ohne Leib kann man dem andern nicht begegnen. Ohne den Leib kann man nicht Kinder kriegen, nicht Schwarzwälder Kirschtorte essen und nicht Gutedel trinken. Ohne Leib kann man nicht sprechen, auch nicht denken und fühlen. Mit dem Leib kommuniziert man. Mit dem Leib leben die Christen für Gott (Röm 12,2).
Und der Leib, auch der der Christen, ist „tot aufgrund der Sünde“. Wenn wir auf dem Friedhof stehen und einen Menschen begraben, dann ist das die Konsequenz dessen, was die ganze Zeit schon da war.
Christsein ist Leben mit Behinderung. Der Lebenslauf der Christen ist ein Hindernislauf.
Deswegen schätzt der Heilige Geist die Bibel so hoch. Das ist der Rollstuhl, mit dem der Heilige Geist uns immer wieder zu Jesus fährt.
Es ist das Buch der Neuorientierung. Wir werden umgeschult.
Gott der Heilige Geist ist nicht verliebt in jeden dummen und krummen Wunsch unseres Herzens.
Auch bekehrte Herzen sind zu ganz unbekehrten Wünschen fähig. Das wird manchmal übersehen. Man kann auch den Wiedergeborenen nicht einfach sagen: „Folge deinem Herzen!“ Das ist nicht Apostel Paulus, das ist Inga Lindström.
 
Der Heilige Geist Gottes ist der Geist, der auch den Christinnen und Christen immer wieder dreinredet. Weil sie das nötig haben, dass er ihnen nicht jeden Blödsinn ihres Herzens durchgehen lässt. Selig sind, die sich reinreden lassen! Denen macht Gottes Geist die Tür auf zum gelingenden Leben.
 
 
Es ist derselbe Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat.
Wir feiern Pfingsten, weil wir es mit dem Geist zu tun bekommen haben, der Jesus von den Toten auferweckt hat.
Das ist der Geist, der niemals sagen muss: „Jetzt kann ich auch nicht mehr. Jetzt wird es selbst mir zu schwer.“
Es ist der Geist, der seinen Leuten sagt: „Schau, das ist dein Glück, dass du nicht mehr auf dich selbst angewiesen bist. Tragen lassen darfst du dich, führen lassen, trösten lassen, stärken lassen. Du musst nicht resignieren. Du bist nicht auf dem Weg in die Bitterkeit. Du bist auf dem Weg zum ganz großen Fest.“
Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken.
 
 
Als meine Frau und ich vor gut drei Jahren nach Sulzburg zogen und hierher zum Gottesdienst kamen, fiel mir etwas auf. Häufiger als anderswo hört man hier die Formulierung: „sich Gott hinhalten“. Oder: „sein Leben Jesus hinhalten“ oder so ähnlich. Das hängt natürlich mit dem „Haus der Besinnung“ zusammen. Das gibt es deshalb, damit das geschehen kann: sich Gott hinhalten. Dafür soll hier Raum und Hilfe sein. Aber natürlich ist das etwas, das alle Christenmenschen angeht.
 
Das ist die passende Antwort auf Pfingsten: das eigene Leben dem Geist Gottes hinhalten.
Das tut man nicht einem Abwesenden gegenüber. Das tut man, wenn Gott einem seine Nähe schenkt und Jesus ins rechte Licht setzt.
„Alle die Schönheit des Himmels und der Erde ist gefasst in dir allein. Nichts soll mir werden lieber auf Erden als du, der schönste Jesus mein.“ (EG 403,5)
 
So spricht man, wenn Gott der Heilige Geist einem beigebracht hat:
Es ist nicht schlimm, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. In Gottes Hand ist es besser aufgehoben als in deiner.
Nicht vorschreiben, was er dann damit macht. Ihm zutrauen, dass das, was er damit macht, dem Leben förderlich ist wie nichts sonst.
Dann macht man das gern: unter seinen Augen leben.
 
Das geschieht durch seinen Geist, der in euch wohnt.
Christ sein: Das Leben dem Geist Gottes hinhalten, der die Glaubenden zu seiner Wohnung macht.
Keine Ferienwohnung: Abreise in zwei Wochen.
Keine Mietwohnung: drei Monate Kündigungsfrist.
Eigentumswohnung Gottes – in alle Ewigkeit.
Ist das nicht schön?
Amen.