22.01.2023: Kein Grund zum Schämen (Röm 1,16-17 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)

Die Predigt vom 22.01.2023 gibt es hier zum Nachlesen (Pdf-Version zum Download)

Reisepläne

Haben Sie Ihre Urlaubsreisen für dieses Jahr schon geplant? Italien, Frankreich oder Schweiz? Nordsee, Schwarzwald oder zu Hause bleiben? Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist Teil einer Reiseplanung. Der Apostel Paulus hat viel vor - aus damaliger Perspektive nichts anders als eine Weltreise. Von Griechenland will er nach Italien und weiter nach Spanien. Damit reist er zwar in die beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen - doch nicht um in Rom zu shoppen oder um in Barcelona Pina Colada am Strand zu trinken. Paulus folgt vielmehr der Berufung, die Gott ihm gegeben hat: alle Völker sollen das Evangelium hören, die Gute Nachricht von Jesus.  Im Osten der damaligen Welt ist Paulus fertig. Er in den wichtigsten Metropolen des römischen Reiches gepredigt und Gemeinden gegründet. Jetzt richtet sich sein Blick nach Westen. Er hört Gottes Ruf: “Go West!”
Rom ist die Zwischenstation. Dort gibt es schon eine Christengemeinde. Er kündigt ihnen seinen Besuch an. Denn bei Paulus ist es, wie bei jedem anderen Menschen. Man kann so schnell sein wie man will - die Gerüchte sind immer schneller. Was man über Paulus sagt und denkt, ist ihm schon längst vorausgeeilt. Und das ist nicht immer gut. Paulus ist umstritten. Was er über Jesus predigt, wird heiß diskutiert und dabei oft verzerrt und falsch dargestellt.

Predigttext: Röm 1,16-17

Und so schreibt Paulus einen ausführlichen Brief, den Römerbrief. In ihm stellt er sich persönlich vor, aber vor allem auch seine Botschaft. Die Römer sollen aus erster Hand erfahren, wer er ist, was er glaubt und was er verkündigt. Denn die Unterstützung der Römer wäre eine große Hilfe, wenn der Weg weiter geht Richtung Spanien.
Gleich im ersten Kapitel des Briefes legt er auf den Tisch, worum es ihm geht, was seine Botschaft ist.
16 Denn ich schäme mich nicht für die Gute Nachricht. Sie ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt – an erster Stelle die Juden, dann auch die Griechen.
17 Denn durch die Gute Nachricht wird Gottes Gerechtigkeit offenbar. Das geschieht aufgrund des Glaubens und führt zum Glauben. So steht es schon in der Heiligen Schrift: »Aufgrund des Glaubens wird der Gerechte das Leben erlangen.«
(Röm 1,16f – Basisbibel)

(K)ein Grund zum Schämen

Diese zwei Verse sind wie ein Kino-Trailer. Sie machen neugierig auf die restlichen 16 Kapitel des Römerbriefes und geben einen kurzen Zusammenschnitt der wichtigsten Szenen.  Man spürt in und zwischen den Zeilen die Verteidigungshaltung, in die Paulus gedrängt wurde. Doch er geht jetzt selbst in die Offensive. Er legt mutig auf den Tisch, was er glaubt, wofür er steht und wozu er lebt: das Evangelium. Diese Botschaft ist so gut, dass man sie nicht peinlich ins Kleingedruckte schreiben oder aus dem Browserverlauf löschen muss. Daher versteckt sich Paulus nicht hinter vorgehaltenen Händen, sondern schreibt selbstbewusst - oder besser evangeliumsbewusst: “Ich schäme mich nicht”.
Gründe, sich zu schämen, hätte es damals durchaus gegeben. Das zeigt ein Grafito, das wenige Jahrzehnte nach Paulus in Rom an die Wand gekritzelt wurde. Man kann es heute noch im Museum in Rom betrachten.
Das Grafito zeigt einen gekreuzigten Esel, daneben einen mit erhobener Hand betenden Christen. Darunter steht auf Griechisch: “Alexamenos betet seinen Gott an.” Die Botschaft ist eindeutig: An einen gekreuzigten Gott oder Gottessohn zu glauben, ist so absurd wie einen Esel anzubeten. Der christliche Glaube ist eine Eselei - völlig lächerlich und absurd.
Genug Gründe, sich für die gute Botschaft zu schämen, werden uns auch heute nahegelegt. Starten Sie im Internet mal eine Bildersuche nach dem Stichwort “Gott” oder “Glauben”. Sie werden sehen, wie sich Millionen von Menschen darüber lustig machen. Ein harmloses Beispiel ist eine Karikatur des hdp (humanistischer Pressedienst) in der Serie „Spott sei Dank“. Es zeigt eine Verfremdung des Bildes von Michellangelo (die Erschaffung Adams). An die Stelle Gottes ist die Wissenschaft getreten, die dem Menschen die ein Buch mit der Aufschrift „Fakten“ überreicht. Die Botschaft auch hier deutlich: Vernunft und Wissenschaft, statt Glaube und Kirche.
Wer damals und heute sagt: “Ich schäme mich nicht für das, was ich glaube und wofür ich lebe” - der muss schon wissen warum. Paulus tut uns den Gefallen und nennt einen richtig guten Grund.

Kraft Gottes

Die gute Botschaft ist eine “Kraft Gottes”, eine Kraft, die von Gott ausgeht und in der er selbst wirkt. Für Kraft steht im griechischen Original “dynamis”. Von ihm leiten sich die Worte Dynamit und Dynamik ab. Die gute Botschaft hat Sprengkraft. Sie ist Energie, Schwung, Lebenskraft - und was das Synonym-Lexikon sonst noch hergibt.
Darf ich kurz Physiklehrer spielen?  Physikalisch gesehen ist eine Kraft eine zielgerichtete Einwirkung auf einen Körper. Eine Kraft bewegt oder verformt etwas in eine bestimmte Richtung. Darum wird die Kraft als “Vektor F” dargestellt (F für force oder fortitudo). Soweit die Physik, die uns hier aber beim Verstehen helfen könnte.
Die gute Botschaft ist also eine Kraft, die etwas in Bewegung bringt: unsere Gedanken, Gefühle und unser Handeln - und dadurch letztlich die ganze Welt. Die gute Botschaft ist eine Kraft, die etwas formt: unseren Charakter, unsere Lebenseinstellung und unsere Werte - und dadurch die ganze Menschheit.

Zur Rettung

In welche Richtung bewegt und formt die Kraft? Paulus schreibt wörtlich: “Sie ist eine Kraft Gottes zur Rettung”. Das ist die Richtungsangabe: die Rettung. Paulus wählt hier ganz bewusst einen Begriff, der sehr vielfältig ist. Er umfasst alles, was den Menschen vor dem Zugrundgehen und vor dem Untergang rettet - daher ein Rettungsring.
Wenn Jesus Menschen gesund macht, sagt er: Dein Glaube hat dich gerettet. Er verwendet die gleiche Wortfamilie und sagt damit: Dein Glaube hat dich geheilt - herausgezogen aus der Krankheit und den Lebensumständen, die dich krank machen. (siehe Schriftlesung: Mt 8,5-13). Wenn Paulus an anderer Stelle über das Weltende und Gericht Gottes spricht, sagt er: Jesus Christus und sein Tod am Kreuz wird uns retten vor der Verdammnis - herausziehen aus der ewigen Verlorenheit. Das gleiche Wort. Es gibt also “Rettung” nach unserem Leben und “Rettung” mitten im Leben. “Rettung” in die Zeit und in Ewigkeit. Rettung für den Leib und für die Seele. Rettung aus Krankheit, Not und ewiger Verdammnis.

Glauben

In welchem Schlamassel wir auch stecken. Mit dem Evangelium wirft uns Gott den Rettungsring zu. Sich an diesem Rettungsring zu klammern und sich an ihm festzumachen - das bedeutet: Glauben.
Ich kann mich noch gut an meinen Konfi-Unterricht erinnern. Unser Pfarrer war selbstbewusst evangelisch. Immer wieder sagte: “Luther hat erkannt: Nicht die guten Werke retten, sondern der Glaube.” So ganz konnte ich das nicht verstehen: Was ist falsch an guten Werken? Menschen helfen, Geld spenden - Warum ist das weniger wert, als wenn einer einfach nur sagt: Ich glaube, dass es Gott gibt. Ist das nicht zu billig? Warum ist ein Gedanke besser als eine gute Tat? Erst Jahre später habe ich den tieferen Grund meines Denkfehlers erkannt, lustigerweise in einer Vorlesung über Martin Luther.  Der Professor machte eindrücklich deutlich: Für Luther ist der Glaube keine Kopfsache nach dem Motto: “Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass es einen Gott im Himmel gibt.”
Glaube ist eine “Lebenssache”, ein Sich-Festklammern mit dem ganzen Leben: Mit allem, was ich bin und habe, hänge ich mich an Jesus Christus und erwarte alles von ihm. Ich lasse los, was ich festhalte und was mich festhält, umklammere ihn und lasse ihn nicht mehr los.
Ganz konkret:
Ich lasse den Stolz los, ohne die Vergebung Gottes leben zu können. Ich höre auf zu denken: “So schlecht bin ich auch nicht - zumindest gibt es noch schlimmere als mich.” Stattdessen klammere ich mich ihn als Erlöser, der am Kreuz für mich gestorben ist - aber auch für mich sterben musste.
Ich lasse den Versuch los, ohne Gottes Kraft und Hilfe zurecht zu kommen. Ich höre also auf nach dem Motto zu leben: “So schlecht gehts noch nicht, dass ich beten muss. Ein bisschen schaffe ich noch alleine.” Ich halte mich stattdessen an Jesus den guten Hirten: im finsteren Tal und auch auf grünen Auen.
Ich beuge mich nicht dem Druck, mein Leben selbst wertvoll zu machen: durch das was ich bin, was ich besitze oder mache. “Mein Haus, meine Kinder, meine Karriere”. Ich umarme stattdessen Jesus und lasse mir immer wieder von ihm sagen: Du bist wertvoll, weil ich dich liebe.
Kurz zusammengefasst: Glaube heißt: Sich ganz auf Jesus Christus verlassen. Das kann man ganz wörtlich verstehen: Sich selbst verlassen - auf Jesus Christus. Sich selbst und seine Lebenslügen verlassen wie man eine baufällig Hütte verlässt, aus dem eigenen stolzen, sorgenvollen oder gestressten Herzen herausgehen. Sich auf Jesus hin verlassen und sich dann an Jesus Christus hängen, ihn ergreifen und sich mit ihm verbinden, ja ihn umarmen.
Es ist wie beim Klettern. Wenn ich meinen Sicherungskarabiner nur bei mir selbst am eigenen Klettergurt festmache, rettet mich das nicht vor dem Absturz. Glauben heißt: Seinen Lebens-Karabiner am eigenen Stolz auszuhaken und bei Jesus einzuhaken. Denn er schenkt Rettung.

Gute Botschaft

Diese Rettung kommt durch die Botschaft. Darum ist sie eine gute Botschaft, Evangelium. Sie ist also nicht nur eine Information oder ein netter Gedanke. Nicht nur eine schöne Idee oder Theorie. Die gute Botschaft ist eine Kraft - und sie wird ganz praktisch. Sie wirkt. Sie bewegt. Sie formt - zur Rettung hin in ganz unterschiedlicher Gestalt. Der Hauptmann, von dem die Schriftlesung erzählt, hat es verstanden: Sprich nur ein Wort, Jesus. Dieses Wort hat Dynamik und Sprengkraft.
An so eine gute Botschaft zu glauben und für sie zu leben, dafür muss man sich nicht schämen. Das legt Paulus hier am Anfang seines Briefes den Römern auf den Tisch. Wumm - da ist es.

Gerechtigkeit Gottes

Wenn ich erzähle, dass mich ein Kino-Film bewegt hat, dann fragt der andere zurück: Worum geht es in diesem Film? Was ist der Inhalt? Und so geht auch unser Predigttext weiter. Bisher hat Paulus über die Wirkung der Botschaft gesprochen. Jetzt ist noch die Frage: Worum geht es, was ist der Inhalt. Er sagt: “Denn durch die Gute Nachricht wird Gottes Gerechtigkeit offenbar.”
Der Inhalt der Botschaft ist “Gottes Gerechtigkeit” - kurz und knapp, und nicht einfach zu verstehen. Luther ist an diesen Versen verzweifelt. Er hat sich gefragt: Wie kann Gottes Gerechtigkeit eine gute Botschaft sein? Wie soll es mich froh machen, dass Gott gerecht ist? Das ist doch eher eine schlechte Nachricht, ein Grund, Angst zu haben.
Ich will es mal so vergleichen. Wenn der Mathelehrer nach einer extrem schweren Arbeit sagt: “Ich habe eure Arbeit korrigiert und keiner hat die Aufgaben verstanden. Aber ich habe eine gute Nachricht: Ich wende mathematische Gerechtigkeit an. Wer wenig Punkte hat, bekommt eine schlechte Note. Das tröstet niemand, sondern stürzt in Verzweiflung.
In ähnlichem Sinne hat Luther unseren Predigttext verstanden. Gott ist gerecht. Wer schuldig ist - und das sind wir alle - bekommt seine gerechte Strafe dafür. Keine gute Botschaft. Luther schreibt im Rückblick sinngemäß so: “Ich hasste dieses Wort Gerechtigkeit Gottes, weil ich es von meinen Lehrern falsch gelernt hatte als eine formale Gerechtigkeit, nach welcher Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft.  Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich hasste ihn sogar.”
Nach vielen Tagen und Wochen schenkt ihm Gott die Einsicht - der Legende nach auf dem Stillen Örtchen: “Gottes Gerechtigkeit ist etwas ganz anderes. Es ist eine Gerechtigkeit, die Gott gerade dem schenkt - und zwar gerade dem, der sie nicht verdient hat.” Luther beschreibt es so: “Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: Der Gerechte lebt aus dem Glauben…  Ich fing an zu begreifen, dass dies der Sinn sei: durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die...,  durch welche uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt. Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein.
Die Gerechtigkeit Gottes richtig zu verstehen, ist ein Tor zum Paradies. Es befreit aus der Hölle, sich selbst wertvoll und interessant machen zu müssen. Es befreit aus der Hölle, sich ständig selbst zu bewerten oder die Bewertung der anderen zu brauchen. Es befreit aus der Hölle, an seinen Fehlern zu verzweifeln. Warum? Weil Gott eine ganz neue Gerechtigkeit schenkt. Sie ist keine kalte Mathematik, die Lohn und Strafe gerecht verteilt. Sie ist Zuwendung und Liebe, Gnade und Barmherzigkeit.
Der Mathelehrer kommt in die Klasse und sagt: “Ich habe die Arbeit korrigiert. Keiner hat die erforderlichen Punkt - nur einer, der alles perfekt gelöst hat. Die gute Nachricht ist: Er verzichtet auf seine Eins. Ich schenke sie euch. Das ist meine neue Art von Gerechtigkeit.”
Das ist wirklich gute Botschaft. Wenn wir sie ergreifen und ihr Raum geben in unserem Herzen, dann wird eine Dynamik in Gang gesetzt. Sie sprengt unsere alten Denkgewohnheiten und Lebenslügen und setzt uns frei. Egal wohin der Urlaub geht: Für unsere Lebensreise gehört diese gute Botschaft ins Gepäck.
Amen.