15.01.2023: Unser Vater im Himmel (Pfr Dr. Dirk Kellner)

In der Gottesdienst-Plus-Serie "Das Vaterunser" predigte Pfr. Dirk Kellner am 15.01.23 über die ersten Worte des Vaterunsers: Unser Vater im Himmel (pdf-Version zum Download).

In die Gegenwart Gottes

Eure königliche Hoheit, Eure Eminenz, Ihre Durchlacht - Es ist nicht einfach, die richtige Anrede zu finden! Je offizieller der Anlass und je höhergestellt das Gegenüber, desto wichtiger ist die Einhaltung des Protokolls.
Der vollständige Herrschertitel des letzten deutschen Kaisers umfasste nach seiner Krönung 110 Wörter: “Wilhelm von Gottes Gnaden König von Preußen, Markgraf zu Brandenburg, Burggraf zu Nürnberg, Graf zu Hohenzollern, Souveräner und oberster Herzog von Schlesien wie auch der Grafschaft Glatz” und das war erst das erste Viertel.
So konnte man den Kaiser natürlich nicht immer anreden. Daher hat man eine Kurzform geschaffen. Sie lautete: “Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen etc. etc. etc.”
Wenn wir beten, treten wir in die Gegenwart Gottes. Beten ist eine Audienz beim König der Welt. Wir müssen uns nicht durch alle Ebenen der Hierarchie durcharbeiten. Wir werden sofort und direkt eingelassen und betreten den Thronsaal.
Die königliche Majestät Gottes wird gerade im Vaterunser mehrfach deutlich, vor allem am abschließenden Lobpreis: “Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.” Das ist die Sprache des Hofes. So huldigt man einem König. Das Vaterunser endet königlich.
Wie sollen wir diesen König der Welt ansprechen? Welche Anrede ist angemessen?
Zur Zeit Jesu gab es bei den Völkern des Mittelmeerraums besondere Gebete. Man nennt sie heute Zauberpapyri, weil sie bis heute erhalten sind - aufgeschrieben auf Papyrus. Diese Gebete aus Zauberformeln, aber auch aus allen möglichen Gottestiteln und geheimen Gottesnamen. Der Gedanke war: Wenn wir diesen Gott richtig ansprechen, dann - und nur dann - hat unser Gebet eine magische Wirkung!
Wie anders ist der Gott, von dem die Bibel erzählt. Jesus gibt uns eine Anrede, die einfacher kaum sein kann: “Unser Vater im Himmel.” Das Vaterunser endet königlich und beginnt ganz persönlich, ja vertraulich.
Mit diesen schlichten und doch bedeutungsvollen Worten betreten wir den Thronsaal und kommen in Gottes Gegenwart. Er ist Schöpfer und der König der Welt - wir dürfen “Vater” zu ihm sagen.

Die Kind-Haltung

Die Anrede, mit der ich zu jemandem in Kontakt trete, spiegelt die Beziehung wider, die ich zu ihm habe. Wenn ich jemand “Herr” nenne, bin ich sein Diener - ich empfinde Ehrfurcht. Wenn ich jemand “Vater” nenne, bin ich sein Kind - ich empfinde Zuneigung.
So zeigt sich in die Anrede auch die Erwartung, mit der ich jemandem begegne. So können wir Menschen meistens schon an der verwendeten Anrede ziemlich gut abschätzen, welche Richtung ein Gespräch nehmen wird. Oder auch an der Betonung. Ein Kind spürt schon bei der Nennung seines Vornamens, um was es geht. Werde ich ermahnt, mein Zimmer aufzuräumen oder werde ich zum Eisessen eingeladen? Je nachdem, wie man gerufen, wird hört man schon bei der Namensnennung den Unterschied.
In der Anrede, durch die Jesus Gott anspricht und sein Gebet beginnt, zeigt sich zuerst seine eigene einzigartige Beziehung zu Gott. Er ist von Ewigkeit her der geliebte Sohn des himmlischen Vaters und eines Wesens mit ihm. Und trotzdem dürfen und sollen wir uns diese Anrede zu eigen machen. Denn Gott will auch unser himmlischer Vater sein. Er liebt uns und lädt uns ein, seine Kinder zu werden - durch den Sohn, der vom Kind zum Knecht wurde und für uns am Kreuz starb.
Die Verheißung der Bibel lautet: Wenn du Jesus Christus als Retter annimmst, bist du Teil der Familie Gottes (Joh 1,12). Du empfängst Gottes Geist und kannst Gott “Vater” nennen, wie Jesus es tat. Du stehst in einer neuen Art von Beziehung zum Schöpfer der Welt. Du darfst erwarten, dass er sich dir liebevoll zuwendet und sich Zeit für dich nimmt.
Wenn wir unser Gebet also mit den Worten „Vater unser“ beginnen, nehmen wir dankbar die Haltung des Kindes ein. Die Kind-Haltung ist somit nicht nur eine Yoga-Übung, sondern eine geistliche Herzenseinstellung. Wir versuchen nicht, eine anonyme, universelle Energie anzuzapfen oder einen fremden Gott um Gehör zu bitten. Sondern: Wir kommen vertrauensvoll zu unserem persönlichen Schöpfer und Vater, der sich uns mit offenen Armen, Ohren und Herzen zuwendet.
Im tieferen Sinn nehmen wir mit dieser Anrede sogar die Erlösung in Anspruch, die Jesus uns schenkt. Wir sind Kinder durch ihn - durch seinen Tod am Kreuz!

Der Ballast der Erfahrung

Doch gerade dieser Einstieg ins Gebet macht es manchen Menschen nicht leicht. Es fällt ihnen schwer, sich Gott als Vater vorzustellen oder ihn im persönlichen Gebet so zu nennen. Ob wir wollen oder nicht: Die Beziehung, die wir zu unserem eigenen Vater hatten, prägt unser Gottesbild. Sie schwingt mit, wenn wir beten, und lässt uns manche Worte leicht und manche schwer über die Lippen gehen.
Die Beziehung zu unserem eigenen Vater kann uns helfen, Gottes Liebe und Barmherzigkeit besser zu verstehen. Sie kann dem aber auch im Wege stehen oder es sogar fast unmöglich machen.
Wer einen Vater erlebt hat, der sich schützend vor sein Kind stellt und es in Schutz nimmt, dem wird es in der Regel leichter fallen, sich bei seinem himmlischen Vater geborgen zu fühlen.
Wer einen Vater gehabt hat, der seinem Kind Wertschätzung und Anerkennung vermittelt, wird sich eher in Gottes Augen wertvoll fühlen können, ohne ständig seine Würdigkeit beweisen zu müssen.
Wer miterlebt hat, wie sich der eigene Vater innerlich von dem hat bewegen lassen, was sein Kind fühlt, der wird wahrscheinlich schneller bereit sein, dem himmlischen Vater das Herz auszuschütten.
Doch es gibt auch die entgegengesetzte Erfahrung:
Es gibt Väter, die äußerlich oder innerlich abwesend, unerreichbar und unnahbar sind. Sie hören nur mit einem Ohr zu, während die Augen die Nachrichten verfolgen, die Zeitung studieren oder am Smartphone kleben. Sie stellen hohe Forderungen, sind mit Anforderungen und Kritik großzügig, mit Lob und Anerkennung sparsam. Und so soll Gott sein?
Es gab und gibt den Vater, der autoritär und ohne Pardon über die Familie herrscht – vielleicht sogar mit Gewalt. Und so soll Gott sein?
Nein, Gott ist anders. Diese Differenzerfahrung ist für das eigene Glaubensleben von großer Bedeutung.

„Im Himmel“

Mit den Worten „im Himmel“ betont Jesus die Differenz. Gott ist nicht das überhöhte Abbild eines irdischen Vaters. Er ist größer als unsere Vorstellung und Erfahrung.
Der Heidelberger Katechismus aus dem 16. Jahrhundert bringt es im damals üblichen Frage-Antwort-Stil schön auf den Punkt (Frage 120–121). :
Frage: Warum hat uns Christus befohlen, Gott so anzureden: „Unser Vater"?
Antwort: Er will in uns gleich zu Anfang unseres Gebetes die kindliche Ehrfurcht und Zuversicht Gott gegenüber wecken, auf die unser Gebet gegründet sein soll...
Frage: Warum wird hinzugefügt: „Im Himmel"?
Antwort: Wir sollen von der himmlischen Hoheit Gottes nichts Irdisches denken...
Bis wir Gott wirklich „von Angesicht zu Angesicht“ sehen und sein vollkommenes Wesen erkennen, wird uns das nur bruchstückhaft gelingen. Das „irdische Denken“ wird immer wieder unser Gottesbild und unser Beten beeinflussen.

Gott definiert das Vatersein!

Als hätte Jesus das geahnt, gibt er uns deshalb auch immer wieder eine Korrektur unseres unvollständigen und vielleicht auch völlig schiefen Vaterbildes.
Gott selbst definiert, wie er unser Vater ist. Und Jesus vermittelte es uns so, dass wir es verstehen können.
Am deutlichsten wird dies im Gleichnis “Vom verlorenen Sohn”. Ein besserer Titel wäre “Vom barmherzigen Vater”, denn er steht im Mittelpunkt. Und was für ein Vater ist das:
Er ist großzügig. Er beschenkt seine Kinder. Nicht knausrig, sondern mit großem Vertrauen gibt er dem Jüngsten sein Erbe: “Genieße es! Lebe!”
Er ist mitfühlend. Sein Sohn scheitert. Arbeitslos, obdachlos und mittellos kommt er nach Hause gekrochen. Vom Vater hört man nicht einen Vorwurf, sondern nur Jubelrufe. Für ihn ist nicht wichtig, wo ein Kind herkommt, sondern dass es den Weg zurückgefunden hat. Er weiß: Wer am Boden ist, braucht keine Schimpfe mehr, sondern Barmherzigkeit.

„Abba“

Jesus malt uns in Worten dieses Bild von einem vollkommenen Vater. Es soll unser Herz erobern, damit wir von Gott her das Vater-Sein neu begreifen und unser Gottesbild nicht von unserer Erfahrung verzerren lassen.
Darauf verweist auch das besondere Wort, mit dem Jesus von Gott als dem Vater spricht. Die meisten Theologen gehen davon aus, dass Jesus in seinen Gebeten nicht den Begriff „Vater“ verwendet, der in der Öffentlichkeit gängig war. Vielmehr habe er das Wort seiner Muttersprache Aramäisch verwendet, mit dem Kinder liebevoll ihren Vater rufen: „Abba“ (Mk 14,36; vgl. auch Röm 8,15; Gal 4,6). Es entspricht unserem „Papa“ und lässt Vertrautheit und Nähe spüren.
So wie manche älteren Kinder es unangemessen oder sogar unangenehm finden, wenn sie ihren Vater in der Öffentlichkeit Papa nennen, war auch damals das Wort „Abba“ ausschließlich im inneren Familienkreis beheimatet. Für die damalige Zeit war es ungewöhnlich oder sogar unerhört, Gott mit diesem intimen Wort anzureden.
Jesus betont damit aber die enge Beziehung, die Gott zu jedem seiner Kinder sucht. Er ist eben nicht der schweigsame, untätige, autoritäre oder sogar gewalttätige Patriarch, sondern der „Papa“, der sich liebevoll seinen Kindern zuwendet, der seine Kinder in den Arm nimmt und tröstet, der für sie sorgt und sie unterstützt.
Mit der Anrede „Abba“ kommt Zärtlichkeit in die Gottesbeziehung. Es kommen Werte ins Spiel, die man früher eher der Mutter zugewiesen hat – als es für Väter nicht schick war, Gefühle zu zeigen.
Gott ist anders. Er zeigt uns seine leidenschaftliche Zuwendung. Er ist ansprechbar, egal, in welcher Not wir sind. Er hört unser Gebet, und er hört mit ganzem Herzen. Ein schlauer Theologe hat einmal gesagt: „Gott ist der mütterlich sich verhaltende Vater.“

Die mütterliche Hand des Vaters

Der Maler Rembrandt hat diesen Gedanken künstlerisch umgesetzt. In seinem berühmten Bild „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ zeichnet er Gott als den barmherzigen Vater, der sein Kind empfängt und inniglich umarmt.
Doch beide Hände des Vaters sind ganz unterschiedlich dargestellt. Die linke, muskulöse Hand legt sich kräftig auf die Schulter des Heimkehrers; die rechte, zarte Hand berührt sanft seinen Rücken.
Henri Nouwen hat diese Besonderheit so kommentiert (Nimm sein Bild in dein Herz, Freiburg 1991, S.119f):
„Der Vater ist nicht einfach ein großer Patriarch. Er ist ebenso Mutter wie Vater. Er berührt den Sohn mit einer männlichen und einer weiblichen Hand. Er hält, und sie streichelt. Er bekräftigt, und sie tröstet. Er ist wirklich Gott, in dem beides, Mannsein und Frausein, Vaterschaft und Mutterschaft, voll und ganz gegenwärtig ist.“
Die ersten Worte des Vaterunsers tragen daher nicht die Botschaft: Gott ist männlich. Und erst recht will Jesus damit nicht sagen: Gott ist so, wie du deinen Vater oder deine Mutter erlebt hast.
Jesus will uns vielmehr vermitteln: Bevor du betest und während du betest, mache dir in deinem Herzen bewusst: Gott hört dein Gebet so, wie ein guter Vater und eine gute Mutter ihren Kindern zuhört: mit offenem Ohr, mit offenem Herzen und in einer Liebe und Geduld, die größer ist, als wir es uns jemals vorstellen können.  Gehe in die Kindhaltung. Du darfst mit allem, was dich bewegt, zu ihm kommen. Er ist nicht genervt, sondern freut sich, wenn sein Kind den Thronsaal betritt den Weg zu ihm findet.
So soll es sein.
Amen.