26.02.2023: Exzentriker (Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn)
Die Predigt vom 26.02.2023 gibt es hier zum Nachlesen.
Liebe Gemeinde,
das ist wohl den meisten von uns schon passiert: Man hört einen Song im Radio, und er geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Ein Ohrwurm. - Das gib es auch ohne Musik. Man hört ein Wort und vergisst es nicht gleich wieder. Am nächsten Tag ist es auch noch da; man kommt ins Nachdenken.
So ist es mir mit dem Wort „Exzentriker“ gegangen. Und es ergaben sich erstaunliche Beziehungen zum Christsein. Deswegen heute kein Predigttext wie sonst, sondern dieses Fremdwort und ein paar Bibelworte.
Exzentriker: Da steckt das Wort „ex“ drin und das Wort „Zentrum“. Ein Exzentriker ist einer, der sich aus einem Zentrum herausbewegt hat.
Ich habe ein paar Leute gefragt, an welche Personen sie da denken. Harald Glööckler, Lady Gaga, Udo Lindenberg, Karl Lagerfeld, Pablo Picasso, Patch Adams, Michael Jackson, David Bowie, Rudolph Moshammer.
Nehmen wir Udo Lindenberg. Immer mit Hut, auch wenn sonst niemand einen aufhat, mit Zigarre, wenn er nicht gerade singt, und wenn er redet, dann ist das ein schnoddriges Genuschel; das hat er zu seinem Markenzeichen gemacht. Raus aus dem Zentrum des Allgemeinen. Ein ganz Spezieller. Einer, der sein eigenes Ding macht.
Und die einen sagen: Exzentriker, das sind total durchgeknallte Typen, und andere sagen: „Ist der aber kreativ!“
Nun sind Sie sicher nicht zum Gottesdienst gekommen, um eine Predigt über Udo Lindenberg zu hören. Ich will auch keine halten.
Die Frage, die ich jetzt gern mit Ihnen teilen möchte, heißt: Sind Christenmenschen Exzentriker? Leben sie exzentrisch?
Antwort: Ja, Christen leben exzentrisch. Sie sind Exzentriker, egal ob Männlein oder Weiblein.
Aber das Zentrum ist hier nicht die Gesellschaft oder wie man denkt oder was man tut, und davon grenzen wir uns ab. Die Sache ist radikaler.
Beim „normalen“ Exzentriker ist er oder sie selbst das Zentrum.
Bei den Christinnen und Christen sind nicht mal mehr sie selbst das Zentrum. Gott ist ihr Zentrum geworden. Sie haben den Schwerpunkt ihres Lebens aus sich selbst herausverlagert in Gott.
Jetzt sind wir auf einmal nicht bei einem Modebegriff, sondern da, wo es losging. Christsein war von Anfang an exzentrisch.
Ein paar Beispiele. Wenn´s für einmal Hören zuviel wird, können Sie die Predigt ja auf der Homepage unserer Gemeinde nochmal nachlesen.
(1)
Apg 11,26: In Antiochia (in Syrien) wurden die Jünger zuerst Christen genannt. Sie sind so genannt worden, wahrscheinlich von römischen Verwaltungsbeamten. Die konnten – es war um das Jahr 40 herum - diese schnell wachsende Gruppe nicht einordnen. Für die gab es noch keine Verwaltungsschublade.
Da haben die Beamten selber eine Bezeichnung erfunden. Diese Leute reden dauernd von einem Christus, nennen wir sie doch Christianer.
Und dann haben die so Genannten gemerkt: Das passt zu uns! Und haben sich nach und nach selber so genannt. Und so wurde das die Bezeichnung, die Karriere gemacht und alle anderen überholt hat.[1]
Die Christianer. Die Christinnen und Christen.
Modern gesprochen: Die, die in Jesus dem Messias ihre Identität gefunden haben. Die man nicht verstehen kann, wenn man das nicht versteht. Denen ist Christus noch wichtiger geworden als sie sich selbst waren. Im Zentrum ihrers Lebens stehen nicht mehr sie selbst, sondern Christus.
(2)
Das passt zu der Art, wie Jesus fünfzehn Jahre vorher seine Freunde zu sich gerufen hat: „Folge mir nach!“ Wörtlich: „Hierher – hinter mich!“[2] Von da an hat er ihre Tagesordnung bestimmt. Auf ihn haben sie gehört; ihm haben sie gehört, nicht mehr sich selbst. Jesus Christus im Zentrum, sie selbst Exzentriker. Sie haben ihren Schwerpunkt von sich selbst weg in Jesus Christus hinein verlagert. Er hatte das Sagen, sie haben sich´s sagen lassen. Das war gut so.
(3)
Paulus hat dann besonders viele Menschen mit Jesus bekannt gemacht. Er schreibt Mitter der fünfziger Jahre an die Gemeinde in Korinth (2 Kor 5,15): Jesus ist darum für alle gestorben, damit die, die leben, von jetzt an nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist.
So leben, dass für Jesus Christus etwas herauskommt. Der hat sich so sehr für uns interessiert und engagiert, dass er für uns gestorben und auferstanden ist. In so große Zusammenhänge gerät man da hinein
Sie merken wohl schon beim ersten Hören: Das ist nichts, was man von vornherein sowieso vorhatte. Sowas macht keiner einfach so. Da muss einem Jesus Christus zur Wirklichkeit geworden sein. Einen Eindruck gemacht haben, den man nicht mehr loswird und auch nicht mehr loswerden will.
Seir ein paar Jahrzehnten ist bei uns dauernd von „Lebensentwürfen“ die Rede. Jeder soll selbst der Architekt seines Lebens sein. Eine totale Überforderung. Das muss nun wirklich nicht sein. Die Alternative: den Schwerpunkt des Lebens in Gott verlegen. Architekt unseres Lebens sein: Er kriegt sowas hin.
(4)
Das hatte sich schon Jahrhunderte vorher angedeutet. In dieser Hinsicht hat Jesus nichts Neues erfunden, aber er hat alles auf sich konzentriert. Beispiel: Der Prophet Jesaja sagt im Auftrag Gottes: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jes 43,1) Inzwischen ist das ist ein sehr beliebter Taufspruch und Konfirmationsspruch. Eine Achtzigjährige hat man gefragt: „Was hat sich in Ihrem Leben bewährt?“ Da hat sie diesen Spruch genannt. Sie konnte ihn sogar auf Hebräisch. Da ist das noch kürzer als im Deutschen. Nicht „Du bist mein“, sondern Li atah, „Mir – du“. Dieses Mir – du hat ihr Leben getragen. Eine herrlich exzentrische Frau!
(5)
2014 hingen in den Gemeindehäusern Plakate mit der sogenannten Jahreslosung, einem biblischen Motto für das ganze Jahr. Psalm 73,28: „Gott zu nahen ist mein Glück.“ Nach Luther: „Das ist meine Freunde, dass ich mich zu Gott halte.“ Stellen Sie sich mal vor, ein Ehepaar macht das. Die müssen sich nicht gegenseitig sagen: Du bist mein Glück. Das können sie nie ganz erfüllen. Müssen sie auch nicht. Auch nicht sich gegenseitig vergöttern. Die müssen auch nicht selbst das Fundament ihrer Liebe sein. Gott zu nahen ist unser Glück. Das entlastet. Jetzt können wir unter Gottes Augen Menschen sein und einander liebhaben. Wir brauchen unsere Ehe nicht selber tragen. Wir sind ja Exzentriker.
Nur noch eine Stelle aus dem Neuen Testament. Man könnte auch fünzig und mehr nehmen. Paulus im Römerbrief: „Keiner von uns lebt zugunsten von sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben: Wir gehören dem Herrn“ (Röm14,7-9). Das ist Glauben: den Schwerpunkt des Lebens in Gott den Herrn verlagern. Wenn Sie sagen: Das klingt ja wie eine Enteignung! Ja, genau das ist es. Aber eine Enteigung, die Gewinn ist. Viele, die sich darauf eingelassen haben, haben hinterher gesagt: Wir werden dann nicht weniger menschlich, sondern mehr.
Paulus sagt: Das gilt von allen Christenmenschen. Nicht von ein paar Prachtexemplaren, es gilt von den vielen tausend Normalos.
Auch von denen, die mit sich unglücklich sind. Der Münchner Komiker Karl Valentin (1882-1948) in einem Sketch: „Man hat mir gesagt: `Geh in dich!´ Aber da war ich schon. Da ist auch nicht viel los.“ - Wenn du deinen Schwerpunkt in Gott verlagert hast, spoll nicht entscheidend sein, wieviel „in dir los“ ist. Es könnte dir glatt passieren, dass du wieder mit dir Freundschaft schließt. Der, dem du über alles vertraust, der hat ein größeres Interesse am Gelingen deines Lebens, als du selbst hast.
Und schließlich: Paulus redet auch vom Sterben. Ich gehöre Gott auch im Sterben. Für die Zeit bis dabhin heißt das: Auch meine Angst gehört ihm. Die hat er sich zu eigen gemacht. Ich werde nicht angstfrei leben. Aber vielleicht muss ich mir von meiner Angst doch nicht alles gefallen lassen.
Ich gehöre Gott. Mir geht´s unverschämt gut.
(6)
1563 ist in der Kurpfalz der sogenannte Heidelberger Katechimus erschienen. Die reformierte Kirche wollte deutlich machen, was im Leben wirklich trägt. 128 Fragen und Antworten. Die erste gleich die wichtigste: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Die Antwort hat in zwei Sätzen 93 Wörter. Wenn man das zusammenkürzt, bleibt übrig: „Dass ich nicht mein, sondern Jesu Christi eigen bin.“
(7)
Am 21. November ist er hundert Jahre alt geworden, Jim Houston in Vancouver, Professor für Spirituelle Theologie. Ich kenne ihn nur durch eine gemeinsame Freundin und von daher durch seine Bücher. In einem schreibt er: Es geht darum zu merken that God can make a much better job of my life than I could ever do by mysel. Es geht darum zu merken: Gott kann mit mir besser klarkommen und sich besser um mich kümmern als ich selber.[3]
(8)
Zum Schluss ein ökumenisches Exzentrikergebet. Aus dem 15. Jahrhundert von dem schweizer Nationalheiligen Niklaus von Flüe (1417-1487).
Ich weiß nicht, ob Sie Schweizer Schokolade mögen und gern Käsefondue und Raclette essen. Wenn ich entweder auf dieses Gebet verzichten müsste oder auf die Toblerone und das Fondue, meinetwegen auch noch aufs Matterhorn: Der Fall wäre sonnenklar. Da wähle ich dieses Exzentrikergebet und lebe ohne Käsefondue weiter.
Das Gebet des Niklaus von Flühe betet man heute meist so:
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir. [4]
Ein Gebet aus dem 15. Jahrhundert? Schon. Aber mehr noch eins von heute und morgen. Ökumene der betenden Exzentriker.
Amen.
[1] Das Wort „Christen“ kommt im NT nur dreimal vor: Apg 11,26; 26,28; 1 Petr 4,16. In den Briefen des Ignatius von Antiochien finden sich dann um 110 n. Chr. die Bezeichnungen „christlich“, „Christ“ und „Christentum“.
[2] Mt 4,19; 11,28; Mk 1,17.
[3] James M. Houston: In Search of Happiness. A Guide to Personal Contentment. Oxford 1990, 225.
[4] Ursprünglicher Text nach Roland Gröbli: Die Sehnsucht nach dem „einig Wesen“. Leben und Lehre des Bruder Klaus von Flühe, Luzern 2006, 10:
O myn got unde min herre
Nym mich mir und gyb mich gancz zcu eygen dir.
O myn got und myn herre
Nym von myr alles das mich hyndert gegen dyr.
O myn got unde myn herre
Gyb myr alles das mich furdert zcu dyr.
Amen.
Autor / Autorin

Dirk Kellner
Pfarrer
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