7.4.2023 (Karfreitag): Sie wissen nicht was sie tun (Lk 23,34 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)

Die Karfreitagspredigt vom 7.4.2023 gibt es hier zum Nachlesen.

Für die Täterinnen beten?

“Und für die beiden Täterinnen” - Nach diesen fünf Worten ging die Diskussion los. Mitten in der Generalprobe! Plötzlich waren alle hellwach: “Das geht doch nicht!” “Oder vielleicht doch?”
So geschah es vor drei Wochen. Die Konfirmanden übten ihren selbst gestalteten Gottesdienst - es war der erste Durchgang und es gab die üblichen Rückmeldungen: “Gut, aber bitte lauter sprechen.” Oder: “Bitte nicht so unruhig hin- und herwackeln”.
Kurz vor dem Segen trug eine Konfirmandin ihre selbst formulierte Fürbitte vor: “Wir beten für die Angehörigen und Freunde von Luise aus Freudenberg - und für die Täterinnen.”
Sofort wurde diskutiert. Jeder hatte von dem Gewaltverbrechen an der 12-Jährigen gehört. “Warum beten wir für die Täterinnen? Die haben das nicht verdient.” “Sie haben ihre Freundin umgebracht. Das ist so schlimm, für die kann man doch nicht beten.”
Die Konfirmandin war erst etwas verunsichert. Doch sie blieb dabei: “Ja, wir beten auch für sie!” - Das war mutig und stark - und es war jesus-mäßig richtig! Genau das hätte Jesus getan. Ja, genau das hat er getan!

Predigttext

Ich lese nochmals einen kleinen Ausschnitt aus der Kreuzigungsszene:
33 So kamen sie zu der Stelle, die »Schädel« genannt wird.
Dort kreuzigten sie Jesus und die beiden Verbrecher
– den einen rechts, den anderen links von ihm.
34 Aber Jesus sagte:
» Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.«
Die Soldaten verteilten seine Kleider und losten sie untereinander aus.
35 Das Volk stand dabei und schaute zu.

Kein leichter Satz

“Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.”
Das ist einer von sieben Sätzen, die Jesus am Kreuz sagt. Es ist vielleicht der Satz, den wir Menschen am schwersten nachvollziehen oder sogar nachsprechen können.
Es gibt vermutlich andere letzte Worte von Jesus, die uns Menschen leichter über die Lippen kämen: “Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.” Oder auch: “Mein Gott, warum hast du mich verlassen?”
Auch für Jesus war dieser Satzt sicherlich nicht leicht. Er spricht ihm im Angesicht seiner Feinde.
  • Er sieht die römischen Soldaten. Sie haben ihn bespuckt, mit routinemäßiger Grausamkeit ausgepeitscht, nackt ausgezogen und ans Kreuz genagelt. Jetzt sitzen sie vor ihm auf dem Boden, beschimpfen ihn und würfeln um seine Kleider.
  • Jesus sieht vor sich die jüdische Oberschicht. Sie haben ihm Lügenworte in den Mund gelegt und das eigene Volk gegen ihn aufgehetzt. Jetzt stehen sie vor ihm und lachen ihn siegesgewiss aus.
  • Jesus sieht die einfachen Menschen aus dem Volk. Sie hatten ihm fünf Tage zuvor noch zugejubelt, doch dann vor wenigen Stunden geschrieen: “Weg mit ihm! Kreuzige ihn.” Jetzt stehen sie da und schauen neugierig zu, als hätte das alles nichts mit ihnen zu tun.
Jesus sieht sie alle. Vielleicht blickt er ihnen sogar in die Augen. Er hätte Gottes Gericht ankündigen können. Stattdessen betet er: “Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.”
Augustinus hat diesen Gegensatz in einer Predigt schön formuliert (Ancient Christian Commentar zur Stelle): “Während Jesus so betete, hing er am Kreuz. Er konnte alle seine Feinde sehen. Er konnte vorhersehen, dass viele von ihnen seine Freunde werden würden. Deshalb betete er für sie alle. Sie wüteten. Doch er betete. Sie sagten zu Pilatus: Kreuzige ihn. Doch er schrie: Vater, vergib. Er hing grausam an Nägeln. Doch er blieb barmherzig.”

Jesus bleibt sich treu

Jesus bleibt sich und seiner Botschaft treu. Im Gegensatz zu vielen Menschen setzt er nicht nur hohe Maßstäbe, sondern erfüllt sie auch.
In seiner berühmtesten Rede hatte er gesagt: Lukas 6,27–28: „Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen.“
Nichts anderes macht Jesus in seiner dunkelsten Stunde. Keine Rache und Vergeltung, sondern Gnade und Vergebung. Die Liebe bleibt stärker! Die Barmherzigkeit siegt!
Und tatsächlich gewinnt er einige dieser Menschen für sich. An Pfingsten, 52 Tage später, werden über 3000 Menschen zum Glauben kommen und sich der Urgemeinde anschließen. Wahrscheinlich standen einige davon unter dem Kreuz. Wie Augustinus sagte: “Aus Feinden wurden Freunde” - durch ein Gebet um Vergebung.
Damit erfüllt er den letzten Teil der großen Verheißung, die der Prophet Jesaja viele Jahrhunderte vorher empfangen hat. Dort heißt es vom leidenden Gottesknecht: „Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“ (Jes 53,12)

Das Kreuz der Versöhnung

“Vater vergib.” Das ist ein Gebet, eine Bitte an Gott. Das Besondere ist: Sie erfüllt sich im gleichen Augenblick, in dem sie Jesus ausspricht. Denn Jesus betet sie am Kreuz. Er weiß genau, was er tut.
  • Jesus vergibt die Sünde, indem er ihr Opfer wird. Er nimmt die Schuld auf sich. Er bezahlt die Rechnung. Er stirbt den Tod des Gottlosen.
  • Er erträgt den Zorn Gottes, die Gottverlassenheit, die Hölle - und das alles anstelle der Menschen, die es verdient hätten - Menschen, die sie sich im Kleinen und Großen immer wieder von Gott abwenden.
  • Er wählt den Tod und schenkt das Leben. Er wählt die Hölle und schenkt den Himmel. Was ein “fröhlicher Wechsel” sagte Luther. Was für ein “krasser Deal”, würde man heute wohl sagen.
Wer’s glaubt, wird selig. Ernsthaft: Wer es glaubt und annimmt, der empfängt die Vergebung. Jesus bittet nicht nur darum, er schenkt sie auch.
Darum gilt dieses Gebet auch uns: “Vater, vergib ihnen.” Wir sind zwar keine römischen Soldaten, die Jesus auspeitschen. Doch auch wir wissen oft nicht, was wir tun, und brauchen Vergebung.
Kann man sagen: Jede kleine und große Abwendung von Gott, schmerzt ihn ähnlich, wie es die Hammerschläge bei Jesus taten? Oder: Jede Missachtung von Gottes Willen ist wie ein Lanzenstich mitten ins Herz Jesu? Vielleicht klingen diese Gedanken für uns heute etwas zu drastisch und dramatisch. Viele traditionelle Passionslieder ziehen diese Verbindung. Sie haben noch ein Gespür dafür, dass Gott leidet und Schmerzen empfindet, wenn sich seine Geschöpfe von ihm abwenden.
So aus dem Jahre 1630 von Johann Heermann: “Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden, haben dich geschlagen.” (EG 81)

Wissen sie, was sie tun?

“Sie wissen nicht, was sie tun.” So begründet Jesus seine Bitte. Ist das nicht etwas verwunderlich? 
  • Ein Hohepriester, der einen Unschuldigen an die Römer ausliefert, weiß, was er tut. Die Grausamkeit eines Pontius Pilatus war bekannt!
  • Ein Soldat, der einen Menschen ans Kreuz nagelt, weiß auch, was er tut. Er weiß, dass dieser Mensch bis zu drei Tagen dort hängen und vor Schmerzen schreien wird - bis er endlich verdurstet oder am eigenen Körpergewicht erstickt.
  • Ein Volk, das tatenlos zusieht, weiß, was es tut. Nämlich nichts.
Sie wissen, was sie tun - und sie wissen es doch nicht! Denn sie sehen in Jesus nur einen Schwerverbrecher, oder eine Gefahr für die eigene Macht, oder einer, der mehr versprochen hat, als er einhalten kann. Sie sehen in ihm nicht Gottes Sohn, nicht den Messias, den Retter der Welt (1Kor 2,6-8), der diesen Weg des Kreuzes bewusst wählt.
Alle die am Kreuz stehen wissen, was sie tun, und wissen es doch nicht. Die Oberen sind von Angst getrieben, ihre Macht zu verlieren. Die Soldaten gehorchen Befehlen, sonst werden sie selbst exekutiert. Die Menschen aus dem Volk wurden durch Fake-News manipuliert. Darum betet Jesus für diese Menschen. Er sieht in ihnen nicht nur die Täter. Er sieht in ihnen Menschen, die zu Tätern gemacht wurden. Durch sich selbst oder durch andere!
Damit entschuldigt er ihre Taten nicht. Er verharmlos auch nicht. Unrecht bleibt Unrecht. Böses bleibt Böses. Die Schuld bleibt Schuld und braucht Vergebung! Aber ein Mensch, der Unrecht und Böses tut, ist und bleibt ein Mensch. Er ist verletzlich und beeinflussbar. Er kann verführt und missbraucht werden. Er kann so verblendet sein, dass er sieht und doch nicht sieht, was er anderen antut. Darum braucht dieser Mensch Gebet - auch das Gebet um Vergebung.
Vergessen wir nicht: In der Bibel beginnt der Weg der Vergebung meistens damit, dass Gott einem Menschen die Augen öffnet. Er weiß dann wieder, was er getan und was anderen angetan hat. Er kehrt um, empfängt Vergebung und einen neuen Anfang. Zur Vergebung gehört Reue und Umkehr.

Für die Täterinnen und Täter beten

Das Gebet für Täterinnen und Täter bleibt eine Provokation. Es ist gegen unser Gerechtigkeitsempfinden. Das haben die Konfis richtig empfunden.  Und doch fordert uns Jesus auf, seinem Beispiel zu folgen.
Ganz Konkret:
  • Wir können und sollen für die Angehörigen von Luise aus Freudenberg beten. Aber auch für die beiden Mädchen, die unter Mordverdacht stehen. Was muss in und mit ihnen geschehen sein, dass so etwas tun? Wussten sie, was sie taten, und wussten es doch nicht?
  • Wir können und sollen für die Opfer des russischen Angriffskrieges beten. Aber eben auch für die Soldaten, die Raketen starten und den Abzug drücken - geblendet von der staatlichen Propaganda. Wissen sie, was sie tun, und wissen es doch nicht?
Was die Mädchen in Freudenberg getan haben, und was Putin und seine Soldaten in der Ukraine tun, ist nicht zu entschuldigen und nicht zu verharmlosen. Täter bleiben Täter, auch wenn sie zu Tätern gemacht worden sind. Doch Gott eröffnet auch ihnen einen Weg der Umkehr und sogar der Vergebung! Und dafür können und sollen wir beten. Hinter diesem Gebet steckt das Vertrauen, dass Gott Herzen verändern kann und seine Gnade wirklich grenzenlos ist.

Alltagstauglich?

“Ist das alltagstauglich?” Oder ist das nur ein Ideal, das an der Realität scheitert?
Die Feinde, die uns das Leben schwer machen, sind wahrscheinlich harmloser als römische Soldaten oder russische Söldner. Aber sie können auch ganz schön nerven oder tief verletzen. Wissen sie was sie tun? Sollen wir für sie beten, egal, ob sie wissen, was sie tun?
Dann würden wir ernst nehmen, dass sie Menschen sind: verletzlich und fehlbar, begrenzt in ihrer Wahrnehmung, verführbar und beeinflussbar. Damit verharmlosen wir nicht, was sie tun. Wir entschuldigen nicht ihr Verhalten. Aber wir bringen sie durch das Gebet vor unseren Gott, der die Schuld der Welt auf sich genommen hat und den Weg der Vergebung öffnet.
Genau so weit war ich mit der Vorbereitung meiner Predigt. “Jetzt fehlt nur noch ein konkretes Beispiel”, dachte ich mir.  In diesem Augenblick klingelt das Telefon. Albert Engler war dran und meint: “Komm bitte mal schnell ins Gemeindehaus!” Dort erwartete mich ein überschwemmtes Erdgeschoss. Ingrid und Albert mit Putzlappen mittendrin, Bernhard mit Werkzeug in der Hand. Irgendjemand war von außen in unsere Toilette eingedrungen, hatte das Waschbecken mit Papiertaschentüchern verstopft und das Wasser voll aufgedreht. Ärgerlich und nervig - aber harmlos im Vergleich zu dem Unrecht, was anderen Menschen geschieht.
Dennoch fragte ich mich: “Wer macht so was?”  “Was für ein… “ wollte gerade sagen. Doch ich war ja gerade von der Predigtvorbereitung aufgestanden und hatte mir Gedanken über die Alltagstauglichkeit gemacht.
Gott hat Humor. Und so zwang ich mich - mit dem Putzlappen in der Hand - zu einem kurzen Gebet für denjenigen, der das getan hat:  “Herr vergib ihm. Vielleicht weiß er nicht, was er getan hat. Vielleicht weiß er es auch. Ich vermute mal, er hatte seine Gründe. Irgendetwas muss bei ihm schief gegangen sein, irgendeine Sicherung durchgebrannt. Er braucht wohl Hilfe - und Gebet!”
Vielleicht öffnet Gott ihm die Augen und er wird demnächst eine Schachtel Pralinen bei Albert und Ingrid vors Haus legen. Wer weiß, Gottes Wege sind unergründlich. Und genau darum beten wir für Täterinnen und Täter.
Amen.