9.4.2023 (Ostersonntag): Kehrtwenden zum Leben (Joh 20,11-18 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)
Hier ist die Osterpredigt zum Nachlesen.
Kehrtwenden
“Kehrtwende in der Zinspolitik!” “Kehrtwende in der Klimapolitik!” “Kehrtwende in der Sicherheitspolitik!”
Sucht man im statistischen Wörterbuch der deutschen Sprache nach dem Begriff “Kehrtwende”, wird eine nach oben führende Kurve gezeichnet. Sie beginnt Mitte der 70er Jahre und wird seit etwa fünf Jahren immer steiler.
Kein Monat ohne eine Kehrtwende. Da kann es einem schon schwindelig werden - oder auch mulmig. Denn manchmal zweifelt man schon daran, ob diese oder jene Kehrtwende in die richtige Richtung führt.
So auch beim heutigen Osterwitz: Ein Betrunkener kommt aus der Kneipe. Vor der Türe begegnet ihm der Pfarrer. Der sieht ihn besorgt an und sagt zu ihm: “Mein Sohn. Du bist auf dem falschen Weg. Kehre um!”
Diese Kehrtwende ist missglückt! Der Richtungswechsel führt zu den alten Probleme zurück und gerade nicht weg davon.
Überleitung und Predigttext
Der Predigttext für unseren Gottesdienst erzählt von einer geglückten Kehrtwende, ja sogar von drei geglückten Kehrtwenden. Sie ereignet sich direkt nach dem, was wir in der Schriftlesung gehört haben.
Kurze Erinnerung: Maria Magdalena kommt zum Grab. Der Stein ist weg. Erschrocken holt sie Petrus und Johannes. Gemeinsam vergewissern sie sich: Ja, das Grab ist leer. Jesus ist nicht da. Nur die Leichentücher liegen noch dort. Doch was hat das zu bedeuten? Verwirrt gehen die beiden Männer wieder nach Hause. Doch Maria Magdalena bleibt beim Grab.
Maria Magdalena ist eine der treusten Jüngerinnen. Sie hat viel mit Jesus erlebt. Er hat sie aus schweren und dunklen Bindungen befreit. Er hat die Ketten zerbrochen, die sie gefangen gehalten hatten. Seitdem ist sie ihm überall hin gefolgt. Sie ist bei Jesus geblieben, als er gekreuzigt wurde und von den anderen Jüngern niemand mehr zu sehen war. Und auch jetzt bleibt sie beim Grab und weint.
Und hier setzt der heutige Predigttext ein. Ich lese ihn nach der Basisbibel:
Johannes 20,11–18 BB
11 Maria blieb draußen vor dem Grab stehen und weinte. Mit Tränen in den Augen beugte sie sich vor und schaute in die Grabkammer hinein. 12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern dort sitzen, wo der Leichnam von Jesus gelegen hatte. Einer saß am Kopfende, der andere am Fußende. 13 Die Engel fragten Maria: »Frau, warum weinst du?« Maria antwortete: »Sie haben meinen Herrn weggenommen. Und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!« 14 Nach diesen Worten drehte sie sich um und sah Jesus dastehen. Sie wusste aber nicht, dass es Jesus war. 15 Jesus fragte sie: »Frau, warum weinst du? Wen suchst du?« Maria dachte: Er ist der Gärtner. Darum sagte sie zu ihm: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, dann sage mir, wo du ihn hingelegt hast. Ich will ihn zurückholen!« 16 Jesus sagte zu ihr: »Maria!« Sie wandte sich ihm zu und sagte auf Hebräisch: »Rabbuni!« – Das heißt: »Lehrer«. 17 Jesus sagte zu ihr: »Halte mich nicht fest! Ich bin noch nicht hinaufgegangen zum Vater. Aber geh zu meinen Brüdern und Schwestern und richte ihnen von mir aus: ›Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.‹« 18 Maria aus Magdala ging zu den Jüngern. Sie verkündete ihnen: »Ich habe den Herrn gesehen!« Und sie erzählte, was er zu ihr gesagt hatte.
Kehrtwende zum Leben
Liebe Gemeinde
Es liegt Dynamik in dieser Geschichte. Johannes erzählt eine Geschichte mit einer dreifachen Kehrtwende. Zunächst steht Maria draußen vor dem Grab. Tränen laufen ihr über die Wangen. Der Schmerz ist groß. Erst haben die Römer ihr den lebenden Jesus geraubt. Hat nun auch noch jemand den toten Jesus weggenommen? Sie beugt sich nach vorne und schaut in die dunkle Grabkammer hinein. Dort sieht sie zwei Engel. Sie sitzen dort, wo Jesus gelegen hatte. Es sind sehr einfühlsame Engel: “Frau, warum weinst du?”
Diese Frage ist nicht vorwurftsvoll, sondern verständnisvoll. Sie gibt Maria Raum, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu erzählen. Tränen dürfen fließen. Enttäuschung und Verzweiflung darf geäußert werden: „Sie haben meinen Herrn fortgebracht. Und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!“
Maria nennt Jesus „meinen Herrn“. In diesen Worten spiegelt sich alles, was sie mit ihm erlebt hatte: „Jesus mein Herr!“ Das ist das kürzeste Glaubensbekenntnis, das sich in der Bibel findet, und gleichzeitig das persönlichste: Jesus ist für Maria nicht irgendein Wundertäter, sondern „mein Herr“.
“Nach diesen Worten drehte sie sich um” - so erzählt der Bibeltext weiter. Die Engel helfen Maria, ihren Schmerz in Worte zu fassen. Aber sie können ihn nicht überwinden. Sie versuchen es nicht einmal. Sie hören nur zu. Wer Jesus persönlich erlebt hat, der gibt sich mit zwei Engeln nicht mehr zufrieden. Engel sind kein Ersatz für den lebendigen Jesus.
Heute ist das leider oft umgekehrt. Viele Menschen finden Engel viel interessanter als Jesus. Doch die Bibel macht mehrfach deutlich: Engel sind nur Boten, nur Wegweiser zu Gott. Wir sollen sie nicht anbeten, sondern uns von ihnen zu Gott, zu Jesus führen lassen. Beim Wegweiser bleibt man nicht stehen, sondern geht den Weg, den er anzeigt.
Maria schaut weg von Engeln und weg von der dunklen Grabeshöhle. Sie dreht sich wieder dem Leben außerhalb des Grabes zu. Dort ist gerade die Sonne aufgegangen. Die Welt erstrahlt im Licht eines neuen Tages. Dort will sie Jesus suchen! Das ist die erste Kehrtwende: eine Kehrtwende zum Leben.
Zu einer solchen Kehrtwende lädt uns die Ostergeschichte ein. Immer wieder geschieht etwas Bedrohliches in unserem Leben, im Leben anderer Menschen oder in unsrer Welt. Wir können es nicht einsortieren und in den Griff bekommen. Wir können es aber auch nicht beiseiteschieben und verdrängen. Und so schauen wir wie gelähmt in die dunkle Grabeshöhle. Unser Fokus richtet sich so sehr auf das Dunkle, dass wir die Welt um uns fast aus den Augen verlieren.
Wie gut, wenn es da jemand gibt, der uns nicht vorwurfsvoll, sondern liebevoll anspricht und fragt: “Warum weinst du?” Jemand, der zuhört und uns reden lässt. Jemand, der Tränen offene Fragen aushält - und zwar ohne Tipps zu geben oder die Welt zu erklären. Solche Menschen sind wie Engel - und solche Menschen sind selten. Es lohnt sich, in diese Beziehungen zu investieren. Sie können unsere Situation vielleicht nicht verändern, aber dennoch helfen, dass wir uns wieder anfangen, uns dem Leben zuwenden.
Eine erste Osterbotschaft könnte daher für uns so lauten: Wenn sich vor mir ein tiefer Abgrund oder eine dunkle Höhle auftut, dann stelle dich deinen Gefühlen. Renne nicht weg. Schau hin und suche Worte, sprich sie aus. Vielleicht sind engelhafte Freunde da, die dir zuhören. Auf jeden Fall hört dich Gott. Und wenn du ihm dein Herz ausschüttest, wirst du vielleicht irgendwann spüren: Draußen ist die Sonne aufgegangen. Ein neuer Tag beginnt. Dann starre nicht auf das Dunkle und Unfassbare, sondern wende dich langsam dem Leben wieder zu: eine Kehrtwendung zum Leben.
Umkehr zu Jesus
Maria vollzieht diese Kehrtwendung. Sie dreht sich um und sucht Jesus. Lange muss sie nicht suchen. Er steht direkt vor ihr. Die Geschichte legt nahe, dass der auferstandene Jesus schon die ganze Zeit da war und an ihrer Seite stand. Doch sie hatte ihn nicht bemerkt, da ihr Blick gefangen war. Jedenfalls wird deutlich: Noch bevor Maria Jesus suchen kann, hat er sie schon gefunden.
Ganz behutsam spricht er sie an - mit den gleichen Worten wie schon die Engel: „Warum weinst du?“ Doch er fügt noch eine zweite Frage hinzu: “Wen suchst du?” Eine leise Ironie ist in diesen Zeilen: Du suchst den toten Jesus und merkst nicht, dass der lebendige vor dir steht. Denn Maria erkennt Jesus nicht. Sie hält ihn für den Gärtner und macht ihm sogar noch Vorwürfe. Schon wendet sie sich wieder ab und will weitersuchen, da spricht er sie ganz persönlich mit ihrem Namen an: „Maria“.
Man kann nur erahnen, wie viel Zärtlichkeit Jesus in diese Anrede gelegt haben muss. Jetzt erst erkennt sie, wer vor ihr steht. Könnte man diese Begegnung vielleicht so auslegen: Der auferstandene Jesus spricht uns persönlich an. Er nennt meinen Namen! Erst wenn ich das höre, erkenne ich, dass Jesus wirklich lebt. Erst wenn ich darauf antworte, wird es wirklich Ostern!
Maria wird persönlich angesprochen und Maria antwortet ganz persönlich. Sie dreht sich um und nennt Jesus „Rabbuni“. Diese hebräische Ehrenbezeichnung bedeutet mehr als das damals übliche „Rabbi“. Mit Rabbi wurde Jesus oft angeredet, es bedeutet „Lehrer“. Doch „Rabbuni“ drückt noch mehr aus. Denn dieser Ausdruck war im damaligen Judentum in der Regel für Gott selbst reserviert. Man nannte Gott „Rabbuni“, wenn man über seine Größe und Macht staunte. Man könnte es mit „Meister des Lebens“ übersetzen. Maria erkennt: Wenn Jesus vom Tod auferstanden ist, dann muss er mehr sein als nur ein Mensch. Dann stimmt das, was Jesus selbst von sich gesagt hat, dass er Gottes Sohn ist, ja dass er eins ist mit Gott dem Vater. Gleichzeitig schwingt in Rabbuni noch der persönliche Bezug mit. Jesus ist nicht nur der Meister (Rabbun) , sondern „mein Meister“ (Rabbuni). Ein Buchstabe macht im Hebräischen den Meister zu meinem Meister. Es ist nur ein “i”, im Hebräischen ein kleiner Haken. Doch dieser eine Buchstabe ist entscheidend. Er setzt einen persönlichen Haken hinter das Wort!
Es ist etwas anderes, ob ich Jesus für einen netten Menschen oder sogar für Gottes Sohn halte, der mit meinem Leben aber wenig zu tun hat. Oder ob ich aus einer persönlichen Beziehung heraus zu ihm sagen kann: „mein Meister“, oder wie später in ähnlicher Weise der Jünger Thomas sagen wird: „Mein Herr und mein Gott“.
Die zweite Kehrtwende ist eine Kehrtwende zu einem persönlichen Glauben. Dazu lädt uns die Ostergeschichte ein.
Eine zweite Osterbotschaft könnte daher für uns lauten: Für Jesus bin ich nicht einer von vielen. Er spricht mich ganz persönlich an – gerade auch dann, wenn ich ganz unten bin. Aber er möchte für mich auch nicht einer von vielen sein, sondern „mein Meister“, „mein Herr“, „mein Gott“.
Umkehr zu den Menschen
Kaum hat Maria Jesus erkannt, will sie ihn für sich festhalten. Man kann sich gut vorstellen, wie sie auf ihn zueilt und ihn umarmen will. Jetzt soll ihn niemand mehr wegnehmen. Jesus soll ganz ihr gehören.
Da wehrt Jesus ab: Joh 20,17: „Jesus sagte zu ihr: »Halte mich nicht fest! Ich bin noch nicht hinaufgegangen zum Vater. Aber geh zu meinen Brüdern und Schwestern und richte ihnen von mir aus: ›Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.‹“
Maria soll verstehen: Jesus ganz für sie da. Aber Jesus ist nicht nur für sie da, sondern auch für andere Menschen. Darum soll Maria das, was sie erlebt hat, nicht für sich behalten, sondern weitererzählen. Sie soll die Botschaft von der Auferstehung zu zu den Jüngern bringen.
Der griechische Text macht eine schöne Anspielung: Maria, die den Engeln begegnet ist, wird selbst zu einem Engel, zu einer Botin des Auferstandenen. Und wieder muss Maria eine Kehrtwende machen: die dritte Kehrtwende - eine Kehrtwende zu den Menschen, zu ihrer Berufung, eine Botschafterin der guten Nachricht zu sein.
Auch zu dieser Kehrtwende lädt uns die Ostergeschichte ein: Es ist gut, sich an Jesus festzuhalten. Doch allzu oft behalten wir ihn für uns. Hier ist Umkehr notwendig. Glaube soll immer persönlich sein, aber Glaube darf nicht privat werden.
Johann Christof Blumhardt hat gesagt, der Mensch brauche eine doppelte Bekehrung. Zuerst von der Welt hin zu Gott, dann von Gott wieder hin zur Welt.
Wer Gottes Liebe erfahren hat, soll sie anderen Menschen weitergeben. Wer den Auferstandenen erlebt hat, soll anderen von ihm erzählen.
Somit ist dies die dritte Osterbotschaft für heute: Halte an Jesus fest, aber behalte ihn nicht für dich. Gott sendet dich. Denn diese Welt braucht nichts so sehr wie eine echte Kehrtwende! Und Ostern ist die große Kehrtwende vom Tod zum Leben, von der Verzweiflung zur Hoffnung.
Tägliche Kehrtwende
Martin Luther hat in den 95 Thesen, die er an die Schlosskirche in Wittenberg nagelte, gesagt: Christ zu sein, bedeutet, jeden Tag umzukehren.
Christsein ist eine tägliche Kehrtwende - nicht unbedingt in die Kneipe. Aber eine Kehrtwendung zum Leben, damit unser Blick nicht am Dunklen und Schweren hängen bleibt. Eine Kehrtwendung zu einem persönlichen Glauben umkehren, damit es immer wieder zu einer echten Begegnung mit Jesus kommt. Eine Kehrtwendung zu den Menschen umkehren, damit sie diesen wunderbaren Rabbuni kennenlernen: den Meister über Leben und Tod.
Amen.
(Pfr. Dr. Dirk Kellner)





