7.01.2024: In Liebe - Gedanken zur Jahreslosung (1Kor 16,14 - Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn)

Die Jahreslosung 2024 lautet: Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe (1Kor 16,14). Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn hat diesen Vers am 7. Januar in einer Predigt für uns näher betrachtet.

1 Kor 16,14 Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.
 
Ist da jetzt ein bisschen Abschiedsschmerz?“
Da hing ein Jahr lang der Satz: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Sie haben ihn gelesen, bevor der Gottesdienst begann, ihn selbst als Gebet gesprochen. Das hat etwas mit Ihnen gemacht. So einen Satz möchte man nicht mehr verlieren. Und jetzt ist er abgeräumt.
Vielleicht hat Ihnen der Satz aber auch wehgetan. Sie haben fast nichts davon gemerkt, dass Gott Sie sieht. Und es wäre doch so nötig gewesen.
So oder so. Der Satz bleibt, nicht als Transparent, aber in Ihrer Bibel und in Ihrer Erinnerung. Zum Vertrauen einladen, wenn schier alles dagegenspricht, zum Liebhaben wegen des Segens. Bitte, nehmen Sie ihn weiterhin mit.
 
Und nun das neue Jahresmotto: Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. Oder noch kürzer: Alles geschehe in Liebe.
 
Es könnte Ihnen mit diesem Jahresmotto ganz anders gehen als mit Ihren Autoreifen: Je mehr Kilometer fährt, desto mehr verlieren sie an Profil, und schließlich braucht man neue. Es kann Ihnen 2024 passieren, dass das Jahresmotto am Jahresende mehr Profil hat als am Anfang. Je mehr Gebrauch, desto mehr Profil.
 
Da hat eine Künstlerin, Dorothee Krämer aus Esslingen, nicht nur etwas Farbenfrohes und Herziges gestaltet. Sie hat die Idee gehabt: Ich stelle dem Jahresmotto einen Begleiter an die Seite, einen Bodyguard für gefährliche Tage, eine Brille für den Alltag, einen Kommentar aus dem 1 Korintherbrief Kapitel 13 für das Motto aus 1 Kor 16.
 
1 Kor 13:
„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir´s nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit,
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe hört niemals auf.“
 
Da kam ein Brautpaar zum Traugespräch. Der Pfarrer fragte sie, ob sie sich schon ein Bibelwort für die Trauung und die Ehe ausgesucht hätten oder ob er das machen solle. Ja, sie hätten schon eins, 1 Kor 13. Der Pfarrer fragte zurück: Welchen Vers? Die Braut: Alle Verse, das ganze Kapitel (hier geht es nur bis Vers 8, das Kapitel hat 13 Verse).
Das hatte der Pfarrer noch nie erlebt, ein ganzes Kapitel als Trauspruch. Sein Eindruck: Die beiden wollen konkret werden, die wollen ihren Spruch nicht fürs Poesiealbum oder als Schmuckblatt, die wollten das ganze Kapitel für das konkrete Leben in seiner Vielfalt, eben für den Alltag. Damit das konkret gelebte Leben liebevoll wird. Da braucht man 1 Kor 13; das geht hinein in die Details.
 
Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. Die Gottesdienste, die kurzen Grüße auf der Straße, die Situationen, wo man Ratlosigkeit aushalten muss, der Umgang mit dem Geld, das Beten füreinander, die Freizeit und die Überstunden, das Leben mit den Pflegeleichten und das mit denen, mit denen kaum einer klarkommt, der Blick für die Nachbarn, die Enttäuschungen, die einen entmutigen wollen, das Singen und das Leiden, alles halt. Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.
 
Wir müssen sehr aufpassen, dass uns der Satz nicht zu schnell einleuchtet.
Ist ja klar, dass das gut wäre, wenn alles in Liebe geschähe.
Das könnten wir alle gut brauchen.
Gegen so einen Satz kann man nichts dagegen haben.
Und schon hat man genickt.
Aber einmal nicken ist etwas anderes, als so leben.
 
Wir könnten jetzt über das Transparent den ganzen ersten Korintherbrief an die Wand schreiben. Wie sieht der Satz denn aus, wenn man diese Gemeinde um 55 n. Chr., eine vier bis fünf Jahre alter Gemeinde, in den Blick bekommt? Was für ein Satz ist das dann? Wie haben die in Korinth es denn mit der Liebe?
In dieser Gemeinde ist das noch nicht so, dass da alles in Liebe geschähe.
 
Die Liebe ist langmütig und freundlich. Sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
aber einige Gemeindeglieder suchen das Ihre, werden bitter und führen Prozesse gegeneinander. Rechtsanwalt statt Gebetsgemeinschaft.
Die Liebe bläht sich nicht auf, aber einige Gemeindeglieder profilieren sich auf Kosten der anderen. Sie suchen das Ihre, dass, was sie groß macht; gerade das täte die Liebe nicht.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nichts, so wäre ich nichts.
Das können die prima, prophetisch reden, und Gottes Geheimnisse verstehen sie so gut, dass Gott bei ihnen Nachhilfeunterricht nehmen könnte, aber bei ihnen scheint sich das mit Lieblosigkeit im konkret gelebten Alltag zu vertragen.
Sie bilden Fanclubs, einen Petrusfanclub, einen Paulusfanclub, einen Apollosfanclub, einen Jesusfanclub, aber die Gemeinde spaltet sich dabei und geht den Bach runter.
Deswegen muss Paulus diesen Brief schreiben. Er hat übrigens für diesen Brief nicht das Gehör gefunden, das er sich erhofft hatte und um das er Gott gebeten hatte. Er muss noch einen Brief schreiben, und der ist eine einzige Beziehungsreparatur.
Denen schreibt Paulus: „Alles, was ihr tut, geschehe aus Liebe.“
 
Das Jahresmotto ist so schwach wie Paulus.
Ein Pfarrer aus Nordamerika hat an einem kleinen See gesessen und einen Eisvogel beobachtet. Im Englischen heißt er Kingfisher, Königsfischer. Und er hat gezählt, wie oft der Kingfisher pfeilschnell ins Wasser stieß, um einen Fisch zu erwischen. Erst beim 37. Versuch war er erfolgreich. Da hat der Pfarrer gedacht: So geht´s im Christsein, im Gemeindeleben, in der Seelsorge, in der Spiritualität. Meistens klappt´s nicht auf Anhieb, guck dir den Kingfisher an und lerne Geduld.
 
Ein mittlerweile 101jähriger Schotte, der in Kanada lebt und jahrzehntelang ein Studentenseelsorger gewesen ist, hat die Erfahrung formuliert: Die geistlichen Wachstumsprozesse sind im Leben die langsamsten.
Das Jahresmotto ist so schwach wie Paulus.
Und es ist so schwach wie wir. Wir werden diese Ermahnung immer wieder nörig haben, selbst wenn wir über neunzig Jahre alt werden sollten.
 
Das Jahresmotto ist so stark wie Jesus.
Der hat zwar gesagt- und er hat das auch ganz ernst gemeint! – „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“ – „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mk 12, 30+31).
Das will Gott, weniger nicht!
Aber Jesus hat das selbst gemacht. Keiner hat Gott so geliebt wie er und keiner hat die Menschen so geliebt wie er.
Mit der illusionslosesten Liebe, die es je gegeben hat, und mit der langlebigsten.
Manche haben gesagt: 1 Kor 13 kann man auch als Charakterisierung von Jesus reden. So ist er, so geht er mit uns um.
 
Diese starke Liebe hat Paulus in Korinth am Werk gesehen (1,4f.): „Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid.“ Gnädige Liebe, die reich gemacht hat. Das nimmt er den ganzen Brief hindurch nicht zurück.
 
Liebe Frustrierte unter uns: Sie haben wohl viele schlechte Erfahrungen gemacht, mit andern, wohl auch mit sich selbst. Und das ist Ihnen ganz klar: Das Leben wird nicht liebevoller, nur wenn an sich einen neuen Terminkalender kauft.
Du darfst leben von der Frustrationstoleranz Jesu.
Für die, die nur den Sprich drauf haben: „Der Teufel steckt im Detail“ – Darf Ihnen Jesus sagen, dass er noch mehr im Detail steckt?
 
Und bitte: Nimm niemanden davon aus, sagen Sie nicht: Bei dem klappt das sowieso nicht.
 
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, sagt ein Sprichwort.
Wir könnten auch sagen: Man soll 2024 nicht vor dem 31. Dezember 2024 loben. Man wartet nach den Erfahrungen von 2023 ja schon auf die nächsten Erschütterungen. Der Hass wird keine Nachschubsorgen haben. Und die christliche Gemeinde wird nicht von vornherein schon ein Teil der Lösung sein. Oft ist sie auch Teil des Problems. „Die Liebe wird in vielen erkalten.“ (Mt 24,12)
 
Die christliche Variante könnte anders heißen: „Du musst den Tag nicht schon am Morgen verloren geben“, du darfst heute aus der Liebe leben, die dich nicht verloren gibt. Gebt euch selbst nicht verloren!
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber Gott darf man schon am 1. Januar loben, und heute, am siebten.
Der liebevolle Jesus hat mit uns ein liebevolles Jahr vor. Das ist total gut.
 
Und wenn Sie wieder in die Kirche kommen, gucken Sie sich doch ein paar Minütchen das Transparent an. Nehmen Sie bitte das Herz wahr
Grübeln Sie bitte nicht, ob das Ihr Herz ist, dass Ihr Herz nicht so hell und fröhlich ist.
Das ist das Herz von Jesus.
Das Herz, in dem Sie einen Stammplatz haben.
Das schlägt für sie, ohne Herzrhythmusstörungen und Aussetzer.
Da ist Liebe genug für uns alle, und im Schaltjahr auch noch für einen Tag mehr.
Amen,
 
 
 
Autor / Autorin
Dirk Kellner

Pfarrer

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