28.01.2024 Von Kopf bis Fuß (1Kor 6,19f - Pfr. Dr. Dirk Kellner)

Diese Predigt bildet den Auftakt zur Serie „Mehr als Hand und Fuß“. Es geht dabei unter anderem um die Frage, welche Rolle der Körper für unseren Glauben hat oder haben könnte.

Von Kopf bis Fuß 
Über die Körperlichkeit des Glaubens - Gottesdienst Plus 28. Jan. 2024

1. Warum kalte Kirchen und harte Kirchenbänke?

„Energie für Geist und Körper - Erlebe drei Stunden Flow in unserem neuen Yoga-Studio.“
So oder zumindest so ähnlich klang die Anzeige. Eine gute Bekannte wurde neugierig und meldete sich an. Gerade noch rechtzeitig, denn das Angebot war schnell ausgebucht - Yoga liegt im Trend.
Hinterher erzählte sie mir von ihrer Erfahrung - ungefähr so:
„Es war richtig gut gemacht. Der Raum war warm und stimmungsvoll ausgestattet. Auf kleinen Tischen stand Tee und frisches Obst bereit. In der Luft hing ein Hauch Orangenduft, dazu leise Instrumentalmusik. Am Anfang haben wir uns alle einfach nur auf den Boden gelegt: den Atem spüren, den Körper wahrnehmen. Man konnte ankommen, so wie man ist und fühlte sich geborgen. Einfach da sein, nichts tun müssen. Ich kann verstehen, dass diese Form von Spiritualität für viele attraktiv ist.  Warum gibt es bei uns Christen etwas nicht? Wir reden von Gnade und sitzen dabei in kalten Kirchen und auf harten Bänken. Den eigenen Körper spürt man nur, weil er wehtut.“

2. Leibfeindlichkeit und Körpervergessenheit

Ich gebe zu, ich habe die Situation und Gespräch etwas frisiert und zugespitzt. Künstlerische Freiheit. Aber die Fragen bleiben: Warum legen wir so wenig Wert darauf, dass auch unser Körper einen Gottesdienst als wohltuend empfindet? Welche Rolle spielt überhaupt der Körper in unserem Glauben?
Liegt es an Paulus, der geschrieben hat: „Im Fleisch wohnt nichts Gutes” (Röm 7,18) und sogar: „Tötet die Glieder, die auf Erden sind“ (Kol 3,5)? Sind die Kirchenbänke nicht ein guter Anfang?
Tatsächlich gibt es eine Tradition der Leibfeindlichkeit im Christentum. Das ist nicht zu verleugnen. Der Körper galt als Ort der Sünde. Dort lauert sie. Daher muss man sie besiegen, in dem man den Körper züchtigt.
Eine etwas skurrile Geschichte wird von einem Christen der ersten Jahrhunderte erzählt. Er lebte in der Wüste, um sich den Versuchungen der Welt nicht auszusetzen. Nun hatte er aber tatsächlich eines Tages Lust, eine Gurke zu essen! Man brachte ihm eine. Doch er hängte sie an einer Schnur vor seinen Augen auf, ohne sie anzutasten. So wollte er die körperlichen Begierden besiegen.
Selbst in der Fastenzeit wird sich heute kaum jemand ein Beispiel daran nehmen - zumindest nicht aus geistlichen Gründen.  Und dennoch bleibt etwas übrig von diesem Erbe, das übrigens mehr mit der griechischen Philosophie zu tun hat als mit der biblischen Botschaft - doch dazu später.
Ich stelle einmal die pauschalisierte Behauptung auf: Wir Christen sind nicht mehr leibfeindlich. Aber wir sind immer noch weitgehend körpervergessen.
Das heißt: Der Körper ist nicht unser Feind. Nein, wir kümmern uns ja auch um ihn mit Sport, mit gutem Essen und Pflegeprodukten. Doch der Körper spielt für unseren Glauben keine große Rolle. Er ist eben mit dabei, weil die Seele ohne ihn nur schwer zum Gottesdienst kommt.
Gerade uns Evangelischen hat man das zu Recht vorgeworfen. Wir haben so gut wie jede Körpererfahrung aus unserem Glaubensleben verbannt: Hinknien und sich verbeugen, sich bekreuzigen, Weihrauch riechen, heilige Gegenstände sehen und anfassen, Weihwasser berühren, zu einem Wallfahrtsort pilgern.
Der Glaube ereignet sich in unseren Gedanken, nicht in unserem Körper. Der friert auf der harten Kirchenbank.

3. Auf der Suche

Die Serie, die wir mit dem heutigen Gottesdienst Plus beginnen, heißt: Mehr als Hand und Fuß. Wir wollen dabei auch unseren Körper als Ort des Glaubens wahr- und ernstnehmen.
Als wir uns im Vorbereitungsteam über das Thema unterhalten haben, wurden schnell drei Dinge deutlich:
  1. Wir sehen das komplexe Problem.
  2. Wir haben keine einfache Lösung.
  3. Wir bleiben dran.
Darum kann ich auch in der Predigt keine fertige Pauschalantwort bieten. Wir wollen Impulse geben, Erfahrungen teilen, zum eigenen Nachdenken und Ausprobieren anregen und gerne auch eine Diskussion provozieren.   Wir sind auf der Suche und nehmen Sie, wenn sie möchten, einfach mit.

4. Eine kurze biblische Anthropologie

Jetzt im zweiten Teil dieser Predigt blicken wir noch kurz auf die Botschaft der Bibel. Wie sieht sie uns Menschen und unseren Körper? Ist sie wirklich so leibfeindlich, wie ihr unterstellt wird?
Da man über das biblische Menschenbild eine ganze Bibliothek füllen könnte, wähle ich in aller Kürze und Würze zwei Aussagen aus:

1. Latte Macchiato, kein schwarzer Kaffee

Die Bibel betrachtet uns Menschen als eine Einheit. Das in Mode gekommene Wort „Ganzheitlichkeit“ kommt zwar so nicht in der Bibel vor, der Gedanke aber durchaus.
Wir sind nicht zerlegbar, wie man eine Lego-Figur auseinandernehmen kann. Hier der Körper, hier die Seele und da der Geist. Alles kann man schön getrennt nebeneinander legen.
Wir Menschen sind ein Geschöpf, in dem sich Geist, Seele und Körper zu einem Ganzen verbinden. Was uns die moderne Psychosomatik lehrt, ist seit Jahrtausenden eine Weisheit der Bibel:
Was den Körper freut, freut auch die Seele. Und umgekehrt. Was die Seele bedrückt, belastet auch den Körper.
David schildert das eindrücklich in einem Psalm. Er wurde schuldig, wollte es aber unter den Teppich kehren. Die Last auf seiner Seele hatte körperliche Auswirkungen.
Psalm 32,3 LU
Denn da ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
Ich will es mal so vergleichen: Körper und Seele sind nicht wie schwarzer Kaffee hier und weißer Milchschaum dort - beides schön getrennt. So, als könnte ich den Körper ärgern und die Seele bleibt dabei ruhig und entspannt.
Dieser Gedanke kommt aus der vorchristlichen griechischen Philosophie - genauer von Platon. Bei seinen Nachfolgern im Neuplatonismus kommt noch eine Wertung hinzu: Der Körper ist böse, die Seele gut. Schwarz-Weiß. Der Körper ist das Gefängnis der Seele.
Nach biblischer Vorstellung gleichen wir Menschen eher einem Latte Macchiato. Körper, Seele und Geist sind drei eng verbundene Dimensionen - und zwar ohne Wertung. Wenn ich an einer dieser Schichten rühre, kommt alles in Bewegung. So dass ich gar nicht mehr unterscheiden kann; Tut jetzt die Seele weh oder der Körper? Oder welcher Teil von mir freut sich?
Was machen wir mit dieser Erkenntnis? Ich selbst bin da auf der Suche. Der Wunsch nach einem ganzheitlichen Glauben ist größer als die Erfahrung, die ich mit ihm gemacht habe.
In der zweitausendjährigen Tradition des Christentums gibt es durchaus Erfahrungen und Anleitungen, den Körper bewusst mit hineinzunehmen in die Begegnung mit Gott. 
Von Dominikus, dem Gründer des Dominikanerordens, sind neun Gebetshaltungen überliefert - die im Übrigen eine auffallende Ähnlichkeit mit heutigen Yoga-Übungen haben.
Es gibt diesen Ansatz im Christentum, aber er ist leider vielfach verloren gegangen. Vielleicht ist es an der Zeit, ihn wieder zu entdecken. Vielleicht nicht für jeden, doch ein Versuch ist es wert.
Wie gesagt, bin ich selbst noch auf der Suche. Darum kann ich auch nur eine einfache Übung weiter, die ich bei anderen geistlichen Begleitern gehört oder gelesen habe:
Bevor du das nächste Mal betest oder bevor der Gottesdienst beginnt, nimm dich als ganzer Mensch war. Achte auf deinen Atem, spüre deinen Körper, nimm deine Gefühle war.  Wie bist du heute hier? Wie kommst du in Gottes Gegenwart? Und nach dem Beten oder nach dem Gottesdienst spüre dich noch einmal und nimm dich wahr:  Hat Gottes Gegenwart etwas verändert? Wie gehst du zurück in deinen Tag und Alltag?

2. Tempel, keine Baracke

Der zweite Gedanke kommt von dem, der gerade als Pate der christlichen Leibfeindlichkeit gilt: von Paulus: Tempel, keine Baracke.
In seinem Brief an die Korinther schreibt er folgende Sätze:
  1. Korinther 6,19–20 LU
Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
Paulus schreibt diese Verse an Christen, die im Schwarz-Weiß-Schema des Platon dachten:
Die gute Seele ist von Jesus erlöst, der böse Körper hat mit der Erlösung und mit Gott nichts zu tun.
Die Folgerungen aus dieser Logik waren sehr unterschiedlich:
Die einen hatten keinen Sex mehr mit dem Ehepartner, um die erlöste Seele nicht wieder mit dem bösen Körper zu verunreinigen.  Die anderen, zum Teil vielleicht sogar die gleichen, gingen zur Prostituierten. Sex betrifft ja nur den Körper und der ist nicht wichtig und hat nichts mit der erlösten Seele zu tun - so dachten sie.
Paulus widerspricht pointiert und es klingt wie eine direkte Antwort an Platon und seine Gesinnungsgenossen.
Der Körper ist kein Gefängnis. Er ist keine Baracke, in der die Seele eingesperrt ist. Der Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes… Preist Gott mit eurem Leibe.
Der Körper ist gerade der Ort, an dem Gott verehrt wird. Wir können Gott gar nicht außerhalb unseres Körpers begegnen. Selbst wenn wir in der Kirche sitzen oder auf einem Berg stehen. Der Körper ist mit dabei. Und in ihm wohnt Gott durch den Heiligen Geist.
Der Körper ist auch das Instrument, mit dem Gott geehrt wird. Denn bei jeder Form der Anbetung ist unser Körper beteiligt. Egal, ob wir singen, sprechen, schweigen oder uns tatkräftig für andere einsetzen -auch eine Form, Gott mit dem Leib zu preisen.
Das ist biblische Body-Positivity! Gott würdigt deinen Körper als Ort, in dem er wohnt. Als Instrument, mit dem er gerne angebetet wird!
Für mich ergeben sich da einige Fragen:  Müsste sich in meiner Einstellung zu meinem Körper etwas ändern, wenn ich das ernst nehme? Wie kann ich meinen Körper würdigen, ohne einem geistlosen Körperkult zu verfallen? Welche konkreten Gebetsformen oder Gesten könnten mir helfen, meinen Körper bewusster als Tempel des Heiligen Geistes wahrzunehmen?
Eine konkrete Idee möchte ich weitergeben, die ich mir selbst vorgenommen habe.
Das nächste Mal, wenn sich mein Körper so richtig freut. Also, wenn ich zum Beispiel auf dem Belchen geradelt bin, dort mit Puls 180 stehe und die Alpenkulisse sehe. Dann stecke ich die Hände zum Himmel, lege sie dann auf mein pochendes Herz und bete: „Halleluja. Ich preise dich. Du bist der Schöpfer der Welt. Du wohnst in meinem Herzen.“
Da es aber noch viele andere Ideen gibt, endet mein Monolog hier und ich gehe über in einen Dialog mit drei Menschen, die je auch jeder auf seine Weise mit diesem Thema unterwegs sind.
(Es folgte ein Gespräch mit konkreten Ideen)