1.05.2022: Wie weit reicht deine Liebe? (Joh 21,15-22 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)
Seefelden – Misericordias Domini 1. Mai 2022 – Pfr. Dr. Dirk Kellner
Bis zum Mond und wieder zurück
“Bis zum Mond und wieder zurück” - so heißt es in einem schönen Kinderbuch. Das Buch handelt aber nicht von einem Weltraum-Abendteuer, sondern dreht sich um die Frage: “Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?” Eine Hasenmutter versichert ihrem Hasenkind, dass ihre Liebe schier unendlich ist.
Wie weit reicht die Liebe? “Bis dass der Tod euch scheide?” Manch angehende Ehepaare sind da etwas vorsichtiger geworden... (siehe https://youtu.be/bOKI5u9yit4).
Wie weit reicht die Liebe? Bis zum Mond und zurück? Im Fall dieses Ehepaares wahrscheinlich nicht sonderlich weit: “Ich will dich so lange lieben, bis du einen Fehler machst, bis wir uns auseinanderentwickeln oder bis ich einen anderen finde…” Nein, das ist keine Liebe - zumindest keine, die den Namen verdient.
Predigttext
In unserem heutigen Predigttext stellt Jesus die Frage “Hast du mich lieb?” Und dabei geht es nicht nur um “Ja” oder “Nein”, sondern auch darum, wie weit diese Liebe reicht!
Johannes 21,15–22 (BasisBibel © Dt. Bibelgesellschaft)
15 Nach dem Frühstück sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?«
Er antwortete ihm: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.«
Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!«
16 Dann fragte er ihn ein zweites Mal: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Führe meine Schafe zur Weide!«
17 Zum dritten Mal fragte er ihn: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Da wurde Petrus traurig, weil er ihn zum dritten Mal gefragt hatte: »Hast du mich lieb?« Er sagte zu Jesus: »Herr, du weißt alles! Du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Schafe!
18 Amen, amen, das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dir selbst den Gürtel festgebunden. Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest. Aber wenn du einmal alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken. Dann wird jemand anderes dich festbinden. Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst.«
19 Mit diesen Worten deutete Jesus an, wie Petrus einst sterben würde und wie er dadurch die Herrlichkeit Gottes sichtbar machen sollte. Dann sagte Jesus zu Petrus: »Folge mir!«
20 Petrus drehte sich um. Er sah, dass der Jünger, den Jesus besonders liebte, ihm ebenfalls folgte. Es war derselbe Jünger, der beim Festmahl
an der rechten Seite von Jesus gelegen hatte...
21 Als Petrus ihn sah, fragte er Jesus: »Herr, was wird aus ihm?«
22 Jesus erwiderte: »Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich wiederkomme – was geht das dich an? Du jedenfalls sollst mir folgen!«
Böse Zungen behaupten, diese Verse sind ein realistischer Predigttext für eine kirchliche Hochzeit. Am Anfang steht die harmlose Frage “Liebst du mich!”. Sagst du dann “Ja”, wird der andere dich festbinden und führen, wohin du nicht willst.
Nein, so ist das nicht gemeint. Es geht um die Frage, ob Petrus Jesus lieb hat und ob diese Liebe eine Grenze hat. Und damit werden auch wir angesprochen: Wie ist es mit unserer Liebe zu Jesus? Wie weit reicht sie?
Für diejenigen, die gerne strukturiert zuhören, nenne ich gleich die vier Erkenntnisse über die Liebe, die ich wie mutige Behauptungen aus diesem Predigttext heraushöre und denen ich gleich entlanggehe:
- Liebe lässt sich nicht vom eigenen Versagen ausbremsen
- Liebe geht über die persönliche Komfortzone hinaus.
- Liebe befreit vom neidischen Vergleichen.
Frühstück am See
Zunächst werfen wir aber einen kurzen Blick auf diese Szene. Ein Frühstück am See: frischer Fisch auf Holzkohle gebraten. Das klingt lecker - das ist es wohl auch - und das klingt idyllisch - aber das ist es eher nicht.
Denn zwischen den Zeilen kann man eine betretene Atmosphäre erahnen. Eine ungeklärte Frage schwebt über ihnen - unausgesprochen und doch genauso wahrnehmbar wie der Duft nach gebratenem Fisch. Wie wird Jesus darauf reagieren, dass seine Jünger am Tag der Kreuzigung so kläglich versagt haben? Alle waren sie geflohen und hatten sich selbst am Tag der Auferstehung noch hinter verschlossenen Türen versteckt.
Vor allem für Petrus muss die Szene unangenehm gewesen sein. Er konnte sich sicherlich noch deutlich daran erinnern, wie er wenige Tage vorher an seiner eigenen Selbstüberschätzung gescheitert ist.
Großspurig hatte er getönt: “Auch, wenn alle dich verlassen, Jesus. Ich bleibe bei dir!” Keine zwölf Stunden später hat er Jesus drei Mal verleugnet - am Kohlefeuer beim Palast des Hohenpriesters: “Ich gehöre nicht zu diesem Jesus. Ich kenne ihn nicht einmal! Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet!” - Worte, für die sich Petrus nun in Grund und Boden schämen möchte. Und doch traut er sich nicht, seine Schuld anzusprechen. Das Versagen bremst ihn aus.
1. Nicht vom Versagen ausbremsen lassen
Doch Jesus ergreift die Initiative und macht damit deutlich: “Liebe lässt sich nicht vom Versagen ausbremsen!”.
Jesus will Petrus nicht in seiner Scham und in seinen Selbstvorwürfen hängen lassen. Er spricht ihn an - und zwar wieder an einem Kohlefeuer. Das Johannesevangelium betont dieses kleine Detail ausdrücklich, um einen Bogen zwischen beiden Ereignissen zu spannen.
Drei Mal fragt er ihn: “Hast du mich lieb?” Eine Frage für jede Verleugnung und für jedes Sich-Abwenden von Jesus. Jesus macht damit deutlich: Egal, wie oft du versagt hast - ich frage dich immer wieder: “Hast du mich lieb?”
Jesus deckt die Schuld auf - aber nicht mit Vorwürfen. Sondern mit Liebe.
Er fragt nicht „Warum hast du das getan?“ Oder : „Hast du jetzt deine Lektion gelernt?“ Nicht einmal: „Bereust du deinen Fehler?“ Jesus wühlt nicht in der alten Schuld herum. Er stellt nicht bloß. Er fragt nur: „Hast du mich lieb?“
Dies ist eine Frage, die eine Antwort will. Dies ist aber auch eine Frage, die selbst schon voller Antworten ist und ein Geständnis in sich trägt. Denn diese Frage setzt etwas voraus: „Ich, Jesus, gebe dich, Petrus, nicht auf. Ich halte an unserer Beziehung fest, auch wenn du mich verleugnest hast. Ich halte an dir fest! Meine Liebe zu dir ist ungebrochen. Ich bleibe dir treu, auch wenn du mir untreu geworden bist. Du hast versagt. Ja! Das will ich nicht beschönigen. Doch die entscheidende Frage ist: Liebst du mich? Denn meine Liebe zu dir ist immer noch da.“
Drei Mal fragt Jesus - und drei Mal antwortet Petrus. Nicht großspurig: “Aber natürlich!”, sondern demütig: “Herr, du weißt es, dass ich dich lieb habe.”
Die Antwort ist vorsichtig. Sie überlässt das Urteil Jesus: “Du weißt es”. Man spürt in diesen zurückhaltenden Worten den Wunsch und die Sehnsucht: “Schenke mir diese Liebe, Jesus!”
Mehr will Jesus gar nicht hören. Mehr müssen wir ihm gar nicht sagen. Denn mit dieser Antwort kommt Petrus aus seinen Schuldgefühlen heraus. Die Liebe reicht weiter als das Versagen.
Das gilt auch für uns, wenn wir daran denken, wie oft wir Jesus verleugnen mit dem, was wir sagen oder gerade auch nicht sagen, denken oder nicht denken. Jesu Liebe hält uns die Treue. Und die Liebe zu Jesus lässt sich nicht durch eigenes Versagen ausbremsen.
Das ist die erste Erkenntnis, die sich in unserem Predigttext heute eröffnet. Und gleichzeitig führt sie uns zur Bitte: “Schenke uns diese Liebe, Jesus!”
2. Über die Komfortzone hinaus
Drei Mal fragt Jesus “Hast du mich lieb”. Drei Mal antwortet Petrus. Und nach jeder Antwort gibt Jesus ihm einen Auftrag. Es ist immer der gleiche Auftrag - nur in jeweils leicht variierenden Worten beschrieben: Sorge für meine Lämmer! Führe meine Schafe zur Weide! Sorge für meine Schafe!
Jesus setzt Petrus wieder als Mitarbeiter ein: Er soll sich wie ein Hirte um die christliche Gemeinde kümmern. Er ist der erste Pastor - im Auftrag des guten Hirten Jesus.
Dieser Auftrag ruft oft eine Hirtenromantik wach. Wir sehen vor unseren inneren Augen einen Schäfer, der entspannt und gelassen in der Sonne sitzt und seinen Schafen beim Fressen zuschaut. Schon Psalm 23, den wir heute am Anfang gebetet haben, zeigt ein anderes Bild. Hirtesein ist harte Arbeit.
Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, dann sehen wir konkreter, wie wenig romantisch der Hirtendienst des Petrus war: Er musst Streitereien schlichten und falsche Lehren abwehren, er bekam Redeverbot und landete mehrmals im Gefängnis.
Jesus macht ihm keine Illusion: Ihm nachzufolgen ist kein gemütlicher Sonntags-Spaziergang. Die Liebe zu Jesus wird ihn über seine Komfortzone hinausführen! (Vgl. V. 18-19).
Tatsächlich wurde Petrus wahrscheinlich unter Kaiser Nero in Rom hingerichtet - etwa 30 Jahre nach dieser Szene.
Liebe Gemeinde, wir sind nicht Petrus und nicht jeder von uns wurde von Jesus dazu berufen, ein Gemeindeleiter oder Pastor zu werden.
Papst Johannes XXIII soll gesagt haben: “Man kann mit einem Hirtenstab in der Hand heilig werden, aber ebenso gut auch mit einem Besen.”
Absolut richtig. Denn Jesus für jeden von uns einen Auftrag. Es gibt keine Gabe ohne Aufgabe. Jedem hat Jesus etwas anvertraut, was ihm auf dem Herzen liegt, wofür sein Herz schlägt.
Wir sind als Christen nicht einfach dazu berufen, Schafe zu sein, die nur darauf warten, bis einer kommt und uns das Gras vor die Nase legt. So viele Christen sind in der Corona-Zeit zu geistlichen Couch-Potatoes geworden. Christsein im Sofa-Sessel - ohne Engagement oder sogar ohne Gemeinde.
Jesus könnte zu uns sagen: Es gibt viele Bereiche, in dem du dich einbringen und Verantwortung übernehmen kannst. Sei kein passives Schaf, sondern sorge aktiv für die Schafe - egal ob mit dem Besen, Kochlöffel oder mit dem Hirtenstab.
Bete für andere, spricht ihnen ein gutes Wort zu. Werde mündig und selbständig im Glauben. Übernimm Verantwortung für dein Glaubenswachstum. Lies ein geistliches Buch, das dich voranbringt.
Frage Gott, wo er deine Mitarbeit zum Segen werden kann. Bitte ihn darum, dass er dich dorthin führt.
“Hast du mich lieb?” fragt Jesus - Die Antwort besteht nicht nur darin, “Ja” zu sagen, sondern dieses “Ja” zu leben.
Die Liebe zu Jesus wird uns über die persönliche Komfortzone hinausführen. Es wird Widerstände und Enttäuschungen geben, Rückschläge und Verletzungen. Die Nachfolge führt manchmal, “wohin du nicht willst”. Das war bei Petrus nicht anders. Aber in allem wird die Herrlichkeit Gottes sichtbar werden, wenn wir Jesus von ganzem Herzen nachfolgen. Ein göttlicher Glanz kommt ins Leben, wenn wir unsere Berufung leben und zum Segen für andere werden.
Liebe geht über die persönliche Komfortzone hinaus - aber wird gerade dort zum Segen.
Das ist die zweite Erkenntnis, die sich in unserem Predigttext eröffnet. Und gleichzeitig führt sie uns zur Bitte: “Schenke uns diese Liebe, Jesus!”
3. Liebe befreit vom Vergleichen
Für die dritte Erkenntnis müssen wir uns noch einmal die erste Frage anschauen, mit der Jesus das Gespräch eröffnet. “Hast du mich mehr lieb als irgendein anderer hier?”
Diese Frage klingt harmlos und unscheinbar, doch sie gefährlich und tückisch. Jesus fragt nicht nur “Hast du mich lieb”, sondern er ergänzt “mehr als irgendein anderer hier!”
Er spricht Petrus auf seine größte Schwäche an. Denn Petrus will immer der Erste und Beste sein. Er liebt den Wettkampf und such den Vergleich. So präsentiert er sich in allen vier Evangelien: unüberlegt und vorlaut - aufbrausend und ungeduldig. Sein Motto ist “erst reden, dann denken”.
Er liebt es, sich vor die anderen zu stellen und überschätzt sich dabei selbst. Heute würde man sagen: ein Alphatier. Und genau dieser Charakter, dieses Vergleichen und Besser-Sein-Wollen hatte ihn zu Fall gebracht.
Petrus musste Demut lernen. Er musste lernen, dass er sich nur auf Jesus und nicht auf sich selbst verlassen kann. Er musste Jesus recht geben, der ihm schon vorher gesagt hatte: “Lieber Petrus. Ich habe dafür gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört.”
Eine bittere, aber wichtige Lektion: “Nicht mein Glaube hält mich bei Jesus, sondern Jesus hält mich im Glauben.”
Mit der scheinbar harmlosen Frage bietet Jesus dem Petrus die Gelegenheit, wieder auf dieses falsche Pferd zu setzen: andere übertrumpfen und ihn mehr als sie zu lieben. Doch Petrus hat seine Lektion gelernt: Liebe muss nicht vergleichen! Liebe muss nicht übertrumpfen. Liebe überwindet das neidische Vergleichen!
Sie befreit uns davon, ständig nach links oder rechts auf andere zu schauen. Petrus hat das begriffen und so sagt er schlicht: “Ja, Herr, du weißt es.” Es reicht ihm, dass Jesus um seine Liebe weiß. Er muss sie niemandem beweisen, er muss nicht groß tönen. Jesus weiß es, das genügt.
Petrus hat das verstanden und doch kommt am Ende unserer Szene wieder der alte Petrus durch. Er sieht plötzlich hinter sich Johannes. Er ist der jüngste von den Aposteln und war Jesus immer besonders nahe. Im Johannesevangelium hat er sogar den Sondertitel: “der Jünger, den Jesus besonders liebte”.
Sofort fällt Petrus ins alte Muster zurück und vergleicht. “Dieser Typ wird von Jesus besonders geliebt - ok - , aber warum soll nur ich Jesus bis zum Tod nachfolgen? Wird es ihm vielleicht anders oder sogar besser ergehen?” Daher kommt sofort die Frage “Herr, was wird aus ihm?”
Ich liebe diese Ehrlichkeit der Bibel auf uns Menschen. Denn diesen vergleichenden Blick auf andere kennen wir gut. Der eine gibt sein Leben Jesus und wird geführt, wohin er nicht will. Bei einem anderen scheint die Nachfolge locker und einfach zu sein.
Ja, mir hat mal jemand gesagt: “Während ich das Kreuz auf mich und Jesus nachfolge, fragt sich meine Verwandtschaft nur, wo die nächste Kreuzfahrt hingeht.”
Dann zu fragen: Was wird aus dem oder dem… ist verständlich, menschlich und doch nicht hilfreich. Darum Jesus antwortet nicht direkt auf die Frage. Er lässt sie stehen und sagt: “Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich wiederkomme - was geht das dich an?”
Eine ziemlich barsche Antwort. Doch Jesus will das alte Denkmuster des Petrus gleich durchbrechen: “Schaue nicht auf andere. Welchen Lebensweg ich sie führe, dass soll und kann dir egal sein!
Für dich zählt nur eins: Du sollst mir folgen!”
Liebe befreit von dem neidischen Vergleichen. Das ist die dritte Erkenntnis, die sich in unserem Predigttext eröffnet. Und gleichzeitig führt sie uns zur Bitte: “Schenke uns diese Liebe, Jesus!”
Bis zu Jesus und wieder zurück
Wie weit reicht die Liebe zu Jesus? Bis es ungemütlich wird? Bis wir es uns anders überlegen? Bis wir enttäuscht werden? Oder bis zu Jesus und wieder zurück?
Wie gut, dass seine Liebe zu uns grenzenlos ist!
Amen.
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Quelle: Dirk Kellner





