29.05.2022: Alles wird gut? (Röm 8,28 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)

“Alles wird gut” - Das steht auf einem meiner Lieblings-T-Shirts. Leider ist es schon etwas verwaschen, deshalb kann ich es nicht mehr zu jeder Gelegenheit anziehen.
Die meisten Menschen reagieren recht erfreut auf die Botschaft. Manche geben mir sogar einen “Daumen hoch”. “Ja, alles wird gut. Das gefällt mir. Das klingt hoffnungsvoll und traurige Nachrichten gibt es ja genug.”
Und doch könnte ich mit diesem T-Shirt nicht überall hingehen, nicht nur aus modischen Gründen.
  • Die Oberstufen-Schüler sind gerade mitten im Abitur. Könnte ich mich so vor die Schule stellen? Es wäre vielleicht peinlich, aber nicht unangebracht. Die Chance ist ja noch da, dass alles “gut” wird - oder zumindest “befriedigend” oder “ausreichend”. Also: strengt euch an. Aber was, wenn jemand trotzdem scheitert?
  • Und wie wäre vor 11 Jahren gewesen, als wir mit Jonathan auf der Kinderkrebsstation waren. Da gab es schwerkranke Kinder, da wurde nichts mehr gut. Nach mehreren Chemo-Zyklen war der Körper am Ende und die Krankheit dennoch stärker. Hier mit dem T-Shirt aufzukreuzen, wäre taktlos und zynisch gewesen.
Es gibt Situationen, auch längere Lebensphasen, ja sogar ganze Schicksale, die können nicht mehr gut werden. Ein Kind erlebt, wie sich die Eltern trennen. Ein Schüler schafft den Abschluss nicht. Eine gute Freundschaft geht kaputt. Der Krieg tötet Kinder und vernichtet Existenzen. Eine unheilbare Krankheit raubt Lebenskraft und Lebenszeit. Es wird nicht alles gut. Manchmal höchstens “erträglich”, aber nicht mehr gut. Machen wir uns nichts vor.

Beliebter Lied-Titel

Dennoch gibt es viele Lieder mit diesem Titel.
Gangsterrapper Bushido singt ein Lied nach dem Motto: “Lass dich nicht unterkriegen. Kämpfe und zeig’s den anderen. Hau ihnen eins rein. Dann wird alles gut.” Hm. Ob das die Lösung ist?
Reinhard Mey singt in einem Schlaflied für Kinder:
“Alles ist gut.
Für kurze Zeit erlöst die Nacht
den Kranken von seinem Leid.
Alles ist gut.
Und schließt die Augen
dem Betrübten über alle Traurigkeit.”
Ja, wenn man die Augen schließt, dann ist alles gut. Für Kleinkinder ist das ok. Aber alle anderen wissen: Sobald man die Augen sie wieder öffnet, ist nicht mehr alles gut. Dann ist die Welt zurück und mit ihm das eigene Leben. Der nächtliche Traum war nur eine Atempause vom täglichen Alptraum.
Felix Kummer ist da weniger naiv. Das letzte Lied seiner Solo-Karriere endet mit einer ironisch-deprimierenden Botschaft:
„Ich würd dir gerne deine Angst nehm'n, alles halb so schlimm. Einfach sagen, diese Dinge haben irgendeinen Sinn...
Ich wär gerne voller Zuversicht. Jemand, der voll Hoffnung in die Zukunft blickt. Der es schafft, all das einfach zu ertragen. Ich würd dir eigentlich gern sagen... Aber alles wird gut. Dein Leben liegt in Scherben und das Haus steht in Flamm'n. Aber alles wird gut Fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut.“

Predigttext

Unser heutiger Predigttext klingt wie die fromme Variante meines T-Shirts. Ich habe ihn so weit gekürzt, dass nur noch ein einziger Satz übrig bleibt:
Röm 8,28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Wörtlich übersetzt: “Wir wissen aber: Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten.”
 

Tröstende, aber gefährliche Worte

Viele Christen kennen diesen Vers auswendig und wurden durch ihn getröstet. Denn immer wieder machen wir die Erfahrung: Da legt sich etwas Schweres wie ein dicker und kantiger Felsbrocken in mein Leben. Doch Gott baut daraus eine Stufe oder sogar eine Brücke. Davon erzählt die Bibel immer wieder.
  • So ging es Josef. Er wurde von seinen Geschwistern und scheinbaren Freunden verraten, zu Unrecht als Sexualstraftäter verurteilt und landete im Gefängnis. Doch Gott hat in dieser Zeit seinen Charakter verändert, ihn demütig gemacht und so für die große Aufgaben vorbereitet, die auf ihn warteten.
  • Ähnlich ging es Abraham und Sara, Jakob und Rahel, Mose und Mirjam. Gott schreibt auf krummen Wegen gerade. Er lässt alles zum Besten dienen: eigenes Versagen, schweres Schicksal und nervige Verwandtschaft. Aus jedem Mist kann Gott Humus machen und das Gute darauf wachsen lassen.
Aber: So schön man diese Erfahrung auch ausdrücken kann, es gibt in derselben Bibel auch eine andere Erfahrung.
  • Der Prophet Jeremia bleibt erfolglos und stirbt einsam.
  • Das Kind von David und Bathseba stirbt im Alter von sieben Tagen.
  • Der Priester Eli kippt vor lauter Kummer vom Stuhl und bricht sich den Hals.
Da wird nichts mehr gut. Darum kann auch die fromme Version in manchen Situationen taktlos und zynisch sein: “Dir geht es gerade schlecht? Weißt du: Denen, die Gott lieben muss doch alles zum Besten dienen!”
  • Vielleicht gut gemeint, aber dieser Satz kann wie ein Hammer niedersausen und Schaden anrichten.
  • Oder, wenn Sie einen kulinarischen Vergleich wollen: Er ist wie Sahne auf einer Essiggurke. Was an sich fein und lecker und das Leben versüßt, macht das Saure und Bittere in unserem Leben nur noch ungenießbarer. Also Vorsicht mit der frommen Soße!

Ein Glaubenssatz

Und doch mutet uns der Apostel Paulus diese grundlegende Wahrheit zu: “Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten.”
  • Paulus leitet den Satz ein mit: “Wir wissen.” Aber dennoch nennt er keine mathematische Gleichung, zu der man einfach sagen kann “Ja klar: 1+1=2. Ich kann es nachrechnen und beweisen.”
  • Paulus spricht von einem Wissen des Glaubens. Er gibt uns einen Glaubenssatz, um den man ringen muss. Man muss an ihm zweifeln und trotzdem festhalten, sich an ihm reiben und daran wachsen. Man muss ihn dem eigenen Herzen und Gott selbst immer wieder vorhalten, manchmal klagend und manchmal dankbar.
Schauen wir uns diesen Glaubenssatz genauer an. Um ihn in seiner Tiefe zu verstehen, muss man auf  zwei Aspekte achten, die zum Teil schon angeklungen sind:
  1. Auf den Kontext, also das, was Paulus vorher und danach geschrieben hat.
  2. Auf den genauen Wortlaut.

Kontext: Umgeben von einem dreifachen Seufzer

Der Glaubenssatz steht im achten Kapitel des Römerbriefes. Es beginnt fast mit einem Jubelruf: Wir gehören zu Jesus! Er hat uns befreit! Gottes Geist wohnt in uns! Wir leben in der Kraft der Auferstehung!
Und gleichzeitig gibt es so viel Leid und Tod in dieser Welt. Paulus sagt: Die ganze Schöpfung ist gefangen im Leid - und sie seufzt.
Und zwar nicht nur: “Ach, schon wieder Mathe!” Und auch nicht: “Ach, die Milch ist wieder teurer.”
Sondern ein grundlegender existentieller Seufzer, dass diese ganze Welt unter dem Fehlverhalten der Menschen und unter der Vergänglichkeit leidet. Überall Gewalt und Elend, Krankheit und Tod.
Römer 8,22 (BasisBibel): Wir wissen ja: Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz wie in Geburtswehen – bis heute.
Die ganze Schöpfung leidet und seufzt. Sie hat Schmerzen wie eine Frau in den Wehen. Das ist ein Wissen, das wir heute mit unseren eigenen Erkenntnissen anreichern können: Das Eis schmilzt, das Klima kippt. Regenwälder brennen, viele Arten sterben aus.
Und mittendrin sind wir Menschen, als Verursacher und als Opfer gleichzeitig. Und auch wir seufzen und ächzen unter der Leid der Welt. Im nächsten Vers schreibt er:
Römer 8,23 (BasisBibel): Und nicht nur sie! Uns geht es genauso.  Wir haben zwar schon als Vorschuss den Heiligen Geist empfangen.  Trotzdem seufzen und stöhnen auch wir noch  in unserem Innern. Denn wir warten ebenso darauf, dass Gott uns endgültig als seine Kinder annimmt – und dabei unseren Leib von der Vergänglichkeit erlöst.
Schmerz, Seufzen und Sehnsucht nach Erlösung. Gott sei Dank ist unser Leben nicht nur davon geprägt. Es gibt den Frühling, Liebe und Freundschaft, frischen Kaffee am Morgen, den Sonnenaufgang und ein gutes Glas Markgräfler Wein.
Aber es gibt eben auch das Seufzen und das Leiden unter der Vergänglichkeit. Kein Mensch kommt daran ihm vorbei. Wir können es lange verdrängen, aber kein Mensch kann 90 Jahre mit einem Dauergrinsen leben.
Und nun gibt es noch einen dritten Seufzer: Nicht nur die Schöpfung und wir Menschen, sondern Gott selbst seufzt mit uns. In einem folgenden Vers schreibt Paulus:
Römer 8,26 (BasisBibel): In gleicher Weise steht uns der Geist da bei, wo wir selbst unfähig sind. Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Und auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen. Doch der Geist selbst  tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein – in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.
Michael Herbst hat das schön ausgelegt:
“Wenn Tier und Pflanze ächzen, wenn Menschenkinder hungern, wenn einem Geschöpf Gewalt angetan wird, wenn uns die Sorge und die Angst martern, wenn wir nicht mehr ein noch aus wissen – dann seufzt es in Gott selbst mit uns. Und Gottes Geist verstärkt unser Seufzen vor dem Thron des Höchsten… Er trägt jede Träne, jede Sorge, jeden Schmerz vor den Thron Gottes. Er seufzt in uns, er seufzt mit uns, er seufzt über uns und er seufzt für uns.
Der Glaubenssatz, dass alle Dinge zum Besten dienen, ist also umgeben von einem dreifachen Seufzen, in das sogar Gott selbst mit einstimmt.
Das heißt: Er redet das Leid in der Welt und in unserem persönlichen Leben nicht klein. Er verharmlost es nicht, nach dem Motte: “Es ist ja nicht so schlimm. Wenn du Gott liebst, dient es dir nur zum Guten!”
Nein, der Schmerz ist keine Illusion, die man durch positives Denken überwindet. Der Schmerz ist bittere Wirklichkeit. Gott selbst findet es so unerträglich findet, dass er nicht ruhig bleiben und still zuschauen kann.

Worlaut: “Alles dient zum Guten”

Achten wir nun noch auf den Wortlaut. Die genaue Übersetzung aus dem griechischen Urtext lautet: “Wir wissen aber: Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten.”
Alles” oder “alle Dinge” (Lutherbibel) fasst das ganze Leben zusammen. Das Schöne und das Glück, aber auch alles, worüber diese Schöpfung, wir Menschen und Gott seufzen.
Das Verb in diesem Satz ist “dienen”, nicht “sein”. Also es heißt nicht: “Alles ist oder wird gut”, sondern “alles dient dem Guten”.
Das heißt, “alles” und das “Gute” sind und bleiben zwei verschiedene Größen. Ich muss nicht “alles” gut nennen, worunter die Welt zugrunde geht oder worunter wir Menschen leiden: Der Krieg ist nicht gut, sondern böse. Krebs ist nicht gut, sondern bedrohlich. Streit ist nicht gut, sondern verletzend.
Aber alles dient dem Guten. Das Gute ist das Ziel, alles Schwere und Böse dient ihm. Nicht automatisch, sondern weil Gott es zum Guten wendet oder zum Guten gebraucht.
Alles dient dem Guten, nicht weil das Böse gut ist, sondern weil Gott mächtiger und sogar das Böse dem Guten dienen lassen kann.
Um es ganz persönlich zu sagen:
  • Gott wirft nicht Böses in dein Leben, um dir Gutes zu tun.
  • Aber er lässt das Böse, das in dieser Welt und in deinem Leben ist, dem Guten dienen.
Das ist ein Glaubenssatz, den man nicht einfach auswendig lernen, abhaken und beweisen kann, wie eine mathematische Formel. Um diese Wahrheit muss man ringen, sich an ihr reiben, an ihr zweifeln und sich immer wieder zu ihr durchkämpfen.
An Josef sehen wir das. Die schweren Lebenskrisen haben ihn auf einen großen Segen vorbereitet, den Gott ihm und durch ihn anderen schenkt.
Aber erst am Lebensende, nach vermutlich vielen inneren Kämpfen, kommt er im Rückblick auf dieses Fazit:
Gen 50,20 (BasisBibel): Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet.
Zuletzt noch die Frage: Was ist “das Gute”, dem alles dient?
In einem Internetforum fand ich eine Umfrage: “Was ist das höchste Gut im Leben”. Die häufigsten Antworten waren: Gesundheit, Selbstverwirklichung und Freiheit.
Das “Gute”, von dem Paulus hier spricht, ist mehr, sonst wäre Gott nur eine Art Glücksautomat. Oben werfen wir alles rein, was nicht gut läuft, Knopf drücken, beten und “alles ist gut”. Nein, eben nicht. Der Horizont geht viel weiter.  Das höchste Gut in der Bibel ist nicht, dass wir auf dieser Welt gesund und glücklich sind. Das nicht nichts Schlechtes, aber nicht genug!
Das höchste Gut ist, dass der Mensch zu Gott zurückfindet und bis in alle Ewigkeit mit Gott verbunden bleibt. Das nennt die Bibel Rettung.
Gott zu finden und bei ihm zu bleiben - das ist das höchste Gut, das “Beste”, was einem Menschen widerfahren kann. Und darum geht es auch in diesem Vers.
Das “Alles”, worunter wir leiden und seufzen, dient diesem Guten. Das heißt: Was auch immer uns das Leben schwermacht, es kann diese Rettung nicht verhindern und nicht zerstören.
Vollendet wird die Rettung erst nach unserer Auferstehung - darum auch diese Sehnsucht, von der Paulus spricht. Dort wird Gott alles Tränen trocknen und alle Krankheit besiegen. Er wird alle Wunden heilen, die das Leben geschlagen hat, und uns mit der Fülle beschenken, auf den wir hier verzichten mussten. Das ist die Sahnetorte und keine Saure-Gurken-Zeit unseres Lebens kann es verhindern.
Hier geht es aber nicht um eine Vertröstung aufs Jenseits. Unser Leben hier bleibt voll im Blick. Denn: Immer wieder reicht uns Gott schon jetzt in diesem Leben ein Stückchen dieser Torte herüber. Dann erleben wir jetzt schon, wie Gott Kraft und Geduld schenkt, wie er Gebete erhört und Dinge wieder gut werden lässt.
Und nichts auf dieser Welt kann das verhindern oder kaputt machen. Gott lässt alles dem Guten dienen.

Eine Verheißung

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“
Dieser Satz ist keine Diagnose. So als könnte man das Leben von allen, die Gott lieben, analysieren und berechnen, ob das Gute größer als das Schlechte ist.
Dieser Satz ist auch kein Befehl. So als würde er sagen: “Beklage dich nicht. Nimm alles, was dir geschieht, dankbar aus Gottes Hand. Denn es dient dir zum Guten.”
Dieser Satz ist eine Verheißung - ein Versprechen, das uns zusagt:
Ich fasse sie nochmals zusammen:
Egal, worunter du leidest - in dieser Welt, an dieser Welt und mit dieser Welt. Gott seufzt mit dir. Aber er hat die Macht, alles so zu drehen, dass es dem Guten dient. Vielleicht musst du mit dieser Wahrheit ringen, sie anzweifeln und an ihr wachsen. Vielleicht erfährst du schon in wenigen Wochen oder Monaten, wie Gott Böses in Gutes wendet. Das ganze Ergebnis wirst du erst in der Ewigkeit sehen - dann aber sicher!
Vielleicht haben wir dann alle ein T-Shirt, auf dem steht: “Alles ist jetzt gut!” Amen.
 
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