19.06.2022: Der reiche Mann und Lazarus (Lk 16,9-31 - Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn)
Liebe Gemeinde,
darf ich Sie einen Augenblick ins Jahr 1848 entführen?
Da schrieb einer, wie schön es in einer Kirche sein kann. Man lässt das Geschrei und Stimmengewirr hinter sich, das, was am Alltag schrecklich ist, auch die eigene Ohnmacht gegenüber Ereignissen, die man nicht beeinflussen kann. Die festen Mauern der Kirche geben ein Gefühl der Sicherheit. Man kann wieder frei atmen; die Seele entspannt sich im „Haus des Herrn“.
Aber dann: „Pass auf, wenn du zum Haus Gottes gehst. Denn vielleicht bekommst du dort mehr zu wissen als du eigentlich begehrst, und vielleicht wirst du dort einen Eindruck empfangen, den du später vergeblich loszuwerden trachtest: darum nimm dich in Acht vor dem Feuer, es brennt.“[1]
Wenn so etwas passiert, liegt das manchmal nicht daran, dass einem frustrierten Pfarrer der Kragen geplatzt ist. Oder dass sich jemand aus der Gemeinde unsensibel benommen hat. Es kann sein, dass es an Jesus selber liegt. So wie hier im Predigttext. Jesus hat dauernd Sachen gesagt, die den Leuten schwer verdaulich waren und die sie am liebsten abgeschüttelt hätten.
Ein Versuch, dieses Gleichnis loszuwerden: „Da geht es ja gar nicht um mich. Ich bin weder der arme Lazarus noch der Reiche. Ich bin so dazwischen, auf dem goldenen Mittelweg.“
Oder: „Das ist ja bloß ein Gleichnis.“ – Aber in den Gleichnissen sagt Jesus, was er denkt. Einer hat mal gesagt: Die Gleichnisse sind die Theologie von Jesus. Wenn du wissen willst, wie Jesus tickt, guck dir seine Gleichnisse an.
Oder man kann den Schwarzen Peter Jesus zuschieben, dass selbst der ein negatives Gottesbild hat, mit Gericht und Strafe und so. Und dass wir, bei allem Respekt, doch inzwischen ein Stück weiter sind.
An diesem Punkt sind die verschiedenen Gruppen des Judentums zur Zeit Jesu, Jesus selbst und die Urchristenheit sich aber einig. Dass wir unser Leben einmal vor Gott zu verantworten haben, wird als fair empfunden. Auch dass Gott Leuten, die sich wie der reiche Mann benommen haben, Widerstand leisten muss, endgültigen Widerstand. Diese Verantwortlichkeit vor Gott gehört zur Menschenwürde. Gericht ist keine Herabwürdigung aus unlauteren Motiven Gottes; es ist ein letztes Ernstnehmen. – Das war, wie jemand formuliert hat, die „weltanschauliche Rückwand“ bei Jesus, seinen Zeitgenossen und seinen Nachfolgern. Erst seit etwa dreihundert Jahren wird Gott auf breiter Front für gerichtsunmündig erklärt.
Lasst euch eure Verantwortlichkeit nicht nehmen!
Es ist oft gut, das eigene Urteil erst einmal zurückstellen und vorsichtig zu fragen: Was ist hier eigentlich los? Ich will jetzt nicht den Text im Einzelnen erklären, sondern die Sache in einen größeren Zusammenhang stellen.
- Reiche und Arme, Reichtum und Armut gehören wesentlich in das hinein, worüber Jesus mit den Leuten geredet hat. Immer tat er das im Zusammenhang mit dem „Reich Gottes“, seinem Hauptthema. Nie geht es nur um Arm und Reich, sodass man auch darauf verzichten könnte, hier Gott mit einzubeziehen. Immer ist Gott mit drin. Das ist entscheidend.
- Jesus weiß, wie hart wir werden können. Kalt, lieblos. Das macht andere kaputt. Gott hat aber großes Interesse an diesen anderen.
- Jesus hat seine zwölf Schüler, seine „Konfirmanden“, für eine gewisse Zeit arm gemacht. Das war, als er sie in die 200 kleinen Dörfer Galiläas schickte, um wie Jesus das Reich Gottes zu verkünden. Das war so wichtig und so dringend, dass sie nicht mal Geldbeutel, Rucksack und Klamotten zum Wechseln mitnehmen durften (Lk 10,4). - Einen, der reich war und so an seinem Reichtum hing, dass er nicht frei war, Jesus zu folgen, hat Jesus traurig weggehen lassen (Mt 19,16-26). Bei Jesu wäre er arm geworden, aber froh. Das hat die zwölf Schüler von Jesus schockiert. Jesus ist aber bei seiner Haltung geblieben. - Wenn es darum geht, ob jemand „für Gott reich“ ist oder nicht (Lk 12,21), geht es ums Leben. Da erspart Jesus niemandem die nötigen Klärungsprozesse.
- Jesus hat anderen ihren Besitz gelassen. In Bethanien, ganz nahe bei Jerusalem, hatte Jesus Freunde, die hatten ein Haus. Da hat er übernachtet, wenn er nach Jerusalem ging. Es war völlig in Ordnung, dass sie Hausbesitzer waren.
- Die Urgemeinde hat beides gehabt: Flexibilität und Klarheit. In Jerusalem haben in den ersten Jahren, als die Gemeinde dort ähnlich wie heute eine Kommunität lebte, viele ihren Besitz verkauft und den Erlös für Arme verwendet. Das geschah völlig freiwillig. - Paulus hat bei seinen Gemeindegründungen das nicht zum Prinzip gemacht. Bei ihm sieht man ein großes Staunen, das er mit anderen teilt: „Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ (2 Kor 9,8). Das ist die Motivation, aus der heraus er Unterstützung für die armgewordene Gemeinde in Jerusalem erhofft. Es geht bei der ganzen Sache darum, nicht nur Geld zu geben, sondern sich selber! (2 Kor 8,5)
- Eine Stelle aus dem Epheserbrief (Eph 4,28) lässt tief blicken: „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.“ Es gab in den jungen Gemeinden Leute, die haben geklaut und andere ausgetrickst, bevor sie Christen wurden. Paulus ist nicht damit zufrieden, wenn das abgestellt wird und jeder selbst für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgt. Dann wäre er er ein arbeitsloser Dieb mit Rentenanspruch. Es soll dahin kommen, dass einer abgeben und für andere sorgen kann.
Ich habe nicht den Eindruck: Das ist überholt. Wir haben das noch gar nicht eingeholt. Hartes, reiches Deutschland! Land voller Gegensätze. Wo man um das bisschen Erbe von der Oma prozessiert und Ehen an den Finanzen zerbrechen. Meine Mutter (sie wird bald 95) pflegte zu sagen: „Die gönnen sich das das Schwarze unter dem Nagel nicht.“ Anselm Grün, der Benediktiner: „Lebensbehindernder Überfluss“ ist das, worin wir leben. Der Schriftsteller Martin Walser lässt eine seiner Romanfiguren sagen: „Ich habe Angst, mir werde genommen, was ich nicht brauche.“[2]
Zurück zu Lukas 16. Die harten Worte Jesu kommen aus einem Herzen, das uns mehr gönnt als nur das Schwarze unter dem Nagel. „Ich bin gekommen, dass sie Leben im Überfluss haben sollen.“ (Joh 10,10) Reichtum kann eine Barrikade sein, die den Zutritt zu diesem Überfluss versperrt.
Drei kurze Männergeschichten (dass es Männer sind, ist wohl Zufall).
- Da ist ein überzeugter Christ, voller Elan für Gott, in der Kirchengemeinde geachtet. Er kauft auf ein Gerücht hin billig ziemlich große Grundstücke, mit denen konnte man nicht viel anfangen. Aber dann stellte sich heraus, dass da ein Großprojekt im öffentlichen Interesse realisiert werden sollte. Der Mann hatte den richtigen Riecher gehabt, verkaufte die Grundstücke und wurde reich. Sehr reich. Die Lust am Geld schoss ihm ins Blut. Zum Gottesdienst kam er immer seltener. Immer häufiger schnauzte er seine Kinder an. Er wurde unzufrieden mit fast jedem, der ihm über den Weg lief. Andern Druck machen konnte er jetzt wie kaum ein anderer.
- Der zweite Mann war schon als Kind dazu erzogen wurden, die Kirche für etwas Unanständiges zu halten. Einem Pfarrer die Hand geben - das macht man nicht. Irgendwann spendete er überraschenderweise eine ziemlich hohe Spende für ein christliches Projekt. Er hatte sich informiert und sich entschlossen: Das muss ich unbedingt unterstützen. Das war noch kein ausdrückliches Glaubensbekenntnis, aber: Da ging gerade eine Tür auf. Dass sich da im Blick aufs Geld etwas änderte, deutete an: Da ändert sich eine Lebenseinstellung. Und dann fing der Mann auch noch an zu beten. Stellen Sie sich das mal vor!
- Am dritten Mann war Kollegen und Freunden etwas aufgefallen. Und ihre Verwunderung und Sympathie führte zu dem Satz: „In den Händen von Friedrich [Name geändert] wird das Geld auf einmal etwas anderes.“
Schauen Sie doch bitte mal, welche Geschichte am ehesten zu Ihnen passt.
Ich weiß nicht, ob Sie gerne Eiskunstlauf mögen. Früher gab es Täfelchen, die hielten die Punktrichter hoch. Heute geht das elektronisch. - Manche hören Predigten, wie sie Eiskunstlauf gucken. Sie sind Punktrichter. Gegenüber dem Pfarrer, aber auch gegenüber Jesus. Der muss seine Kringel drehen und seine Sprünge machen, damit er bestehen kann. Mit dieser Haltung kommen wir nicht weiter.
Weiter kommen wir, wenn wir auf eine Predigt oder einen Bibeltext, etwa ein Gleichnis von Jesus antworten, indem wir beten. Jesus sagt dauernd etwas, darüber muss man doch mit ihm selber reden! Da kommt man raus aus der Zuschauerhaltung, die lediglich beurteilt. Man traut sich in die Nähe Gottes, und es passiert etwas mit einem.
Wenn uns jemand nahekommt, haben wir das vielleicht sehr gern. Es tut uns gut. Wir möchten aber, dass er uns nicht zu nahe tritt.
Jesus ist den Menschen sehr nahegekommen. Er hatte sie einfach zu lieb, um auf Abstand zu bleiben. Es gab aber auch Situationen, da trat er ihnen zu nahe. Jedenfalls hatten sie diesen Eindruck. Manchmal geht´s nicht ohne das.
Amen.
[1] Sören Kierkegaard: Gedanken, die hinterrücks verwunden - zur Erbauung. In: Christliche Reden 1848, Gütersloh 1981, 180.
[2] Aus: Meßmers Reisen, Meßmers Gedanken.





