24.07.2022: Ein schönes Wrack (1Kor 1,4-7 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)

S. S. Maheno

Sommer 1935 – irgendwo im pazifischen Ozean östlich von Australien. Das Luxuspassagierschiff SS. Maheno gerät in einen Sturm. Die Seeleute verlieren die Kontrolle und das Schiff wird an den Sandstrand von Fraser Island gespült. Alle Versuche, es wieder loszubekommen scheitern. Die Mannschaft geht von Bord, das Schiff wird aufgegeben und seinem Schicksal überlassen. 
 
Die Inselbewohner entdecken das Wrack und feierten auf ihm Hochzeiten und Feste. Schließlich wird das Schiff zur Übungszielscheibe des Militärs. Heute ist das rostige Fossil ein Highlight für Touristen und beliebtes Photo-Objekt. Ästhetik des Zerfalls.
 

Das Schiff Gemeinde

In unserem Gesangbuch gibt es ein Lied, das heißt: Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt.
Wie sieht es aus mit diesem Schiff Gemeinde oder Schiff Kirche? 
Manche sagen: Das ist ja genau die Gefahr. Wenn die Kirche nicht mehr unterwegs ist zu den Menschen, unterwegs zu neuen Formen und Ideen, dann kommt sie zum Stillstand, wird manövrierunfähig, ist schließlich nur noch für Hochzeiten und Feste gut und wird als nostalgisches Postkartenmotiv enden.
Andere sagen: Es ist längst soweit. Die Kirche oder die eigene Gemeinde ist ein rostige Kahn. Da fehlt es hier und da. Und sie fragen sich, ob sie das gesunkene Schiff verlassen sollen. 
 

Korinth

Drehen wir die Uhr nochmal ein paar Jahrhunderte zurück.  
Korinth 55 n. Chr. – Hafenstadt im Süden Griechenlands. Da hören wir von einem Gemeindeschiff, das besonders mitgenommen aussieht. 
Die Gemeinde hat sich in verschiedene Cliquen aufgespaltet. Jeder bewegt sich in seiner eigenen Gruppe und denkt dabei: Wir sind die Wichtigsten. Wir glauben und machen es richtig.
Natürlich gibt es Versuche, das Gemeinsame zu stärken. Zum Beispiel ein regelmäßiges Gemeindeessen mit anschließendem Abendmahl – als Zeichen der Gemeinschaft. Doch das endet meistens im Chaos. Denn die einen kommen schon früher und probieren schon einmal, ob der Wein auch gut genug ist. Und wir wissen: „Griechischer Wein ist wie das Blut der Erde, komm schenk mir ein...“ Auf jeden Fall: Bis die restlichen Gemeindeglieder da sind, sind die ersten schon betrunken.
Die Gemeinde ist im Übrigen sehr aktiv. Viele bringen sich im Gottesdienst ein.  Doch leider nicht, um Gottes Name groß zu machen, sondern um die anderen zu beeindrucken und zu übertrumpfen.
In moralischer Hinsicht, herrscht Unklarheit. Da gibt es Gemeindeglieder, die finden es normal, ins Bordell zu gehen und sich dort zu vergnügen. Andere sind so streng, dass sie ihre eigene Frau nicht mehr berühren wollen.
Schließlich ist man sich nicht einmal darüber einig, was man glauben soll. Gibt es zum Beispiel am Ende der Zeit wirklich eine Auferstehung der Toten oder ist das nur Einbildung?
 
Was würde eine Visitationskommission zu dieser Gemeinde sagen? Oder stellen wir uns vor, diese Gemeinde müsste ihre vakante Pfarrstelle ausschreiben. Sie würde vielleicht mit dem Satz enden: „Nur Mut! Bewerben Sie sich. Egal, was Sie machen, es kann nur besser werden“ 
 

Paulus

Damals ist etwas anderes geschehen: Der Gründer dieser Gemeinde hört von den Missständen. 
Derjenige, der eineinhalb Jahre lang jeden Tag in dieser Stadt geschuftet und gepredigt hat, damit die Gemeinde sich gut entwickelt. Es ist der Apostel Paulus. 
Er bekommt Nachrichten, von dem, was dort läuft. Natürlich würde er gerne sofort kommen und nach dem Rechten sehen. 
Doch er ist gerade nicht in der Gegend und so schreibt er einen Brief: Den sogenannten ersten Korintherbrief. Ich lese die ersten Verse dieses Briefes nach der Basisbibel:
 
1Kor 1,4 Ich danke meinem Gott immer wieder für die Gnade, 
die er euch durch Christus Jesus geschenkt hat. 
5 Durch ihn hat Gott euch an allem reich gemacht – 
an allen Arten der Verkündigung und Erkenntnis. 
6 Auch hat Gott der Botschaft von Christus 
bei euch einen festen Grund bereitet. 
7 Deshalb fehlt euch keine der Gaben,
die er in seiner Gnade schenkt. 
So erwartet ihr sehnsüchtig 
das Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus.
 
„Moment“, müsste man sagen, “warum danke?” und was heißt “es fehlt an nichts?”.
„Lieber Paulus, hast du vergessen, an wen du hier schreibst? Es ist die Gemeinde in Korinth: dieses rostige, auf Grund gelaufene Schiffswrack von einer Gemeinde. Solltest du hier nicht eher jammern oder schimpfen und Tacheles reden?“
 
Was würde Paulus antworten? 
Er könnte vielleicht sagen: „Es kommt auf den Blickwinkel an. Wie ich etwas beurteile, hängt davon ab, wie ich schaue. Das gilt auch für eine Gemeinde.“
Wie schaut Paulus auf die Gemeinde in Korinth? Zwei Dinge fallen mir auf:
1. Paulus blickt mehr auf das, was Gott tut, als auf das, was Menschen tun oder nicht tun
2. Paulus blickt mehr auf den Reichtum als auf den Mangel.
 
An beiden Perspektiven können wir lernen, auch unsere Gemeinde aus der richtigen Perspektive zu betrachten.
 

Gottes Werk und des Menschen Beitrag

Das erste: Paulus blickt mehr auf das, was Gott tut, als auf das, was Menschen tun oder nicht tun. 
Er schreibt: 
Ich danke meinem Gott immer wieder für die Gnade, 
die er euch durch Christus Jesus geschenkt hat.
 
Paulus blickt auf das, was eine Gemeinde zur Gemeinde macht: die Gnade Gottes, die er uns durch Jesus Christus schenkt. Jesus Christus, so schreibt Paulus an anderer Stelle, ist der Grundstein der Gemeinde, das Fundament. Denn er hat uns durch seinen Tod und seine Auferstehung errettet und erlöst.  Er hat uns zu seinen Kindern gemacht, uns den Heiligen Geist gegeben und verbindet uns zu einer Gemeinde. Nicht weil wir es verdient hätten. Sondern aus Gnade. Wer auf diese Gnade blickt, der hat erst einmal zu danken. 
 
Sicherlich ist die menschliche Seite auch wichtig. Es ist wichtig, dass in der Gemeinde ein gutes Miteinander herrscht. Dass man miteinander verbunden ist, sich gegenseitig unterstützt und ermutigt.  Paulus schreibt in seinen Briefen viel von der geschwisterlichen Liebe, die in einer Gemeinde herrschen soll. Ohne diese Liebe wird eine Gemeinde auch kaum wachsen können und attraktiv für andere sein. 
 
In vielen landeskirchlichen Gemeinden machen fällt es Menschen schwer, Anschluss zu finden. Es reden nur die miteinander, die sich schon kennen. Wer achtet auf jemand, der alleine da steht? Oder zum ersten Mal da ist? Wer hat den Mut, ihn anzusprechen?
 
Aber dennoch: So wichtig das menschliche Miteinander ist: Es ist nicht die gegenseitige Sympathie oder eine gute Atmosphäre, die die Gemeinde zur Gemeinde macht. Es ist das, was Gott in Jesus getan hat, tut und tun wird.  Wenn wir vor allem auf das schauen, was Menschen tun oder eben nicht tun, wird sich bald Enttäuschung und Frust einstellen. Christinnen und Christen enttäuschen, Christus enttäuscht nicht. 
 
Vielleicht ist manche Enttäuschung auch hilfreich, weil sie uns den Blick wieder auf das lenkt, was die Gemeinde zur Gemeinde macht: der dreieinige Gott, der mitten unter uns ist, und uns seine Gnade schenkt.
 

Der (verborgene) Reichtum der Gemeinde

Das zweite: Paulus blickt mehr auf den Reichtum, als auf den Mangel.
Wer sein Auto zum TÜV bringt, kommt unter Umständen mit einer Mängelliste zurück. 
Bei einem Gemeinde-TÜV wäre die Mängelliste der Korinther lang gewesen:  „Mangel an Einigkeit, Mangel an Herzlichkeit, Mangel an Disziplin, Mangel an Moral, Mangel an Rücksicht, Mangel an Glaube. Die TÜV-Plakette wurde nicht erteilt, wir bitten um Wiedervorstellung in vier Monaten.“
 
Doch Paulus zeigt uns hier auch wieder einen völlig anderen Blickwinkel. Er schaut auf den Reichtum der Gemeinde. „Gott hat euch durch Jesus in allem reich gemacht“, sagt er und spricht von „verschiedenen Arten der Verkündigung“ und von „geistlicher Erkenntnis“: 
 
Er sagt der Gemeinde in Korinth: In eurer Mitte wird das Wort Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes verkündigt - und zwar auf vielfältige Art. Also nicht nur durch die Sonntagspredigt, sondern mit den vielen Gaben, die Gott schenkt. 
 
Da kommt es zu Erkenntnis. Menschen erkennen, dass Gott ganz persönlich in ihr Leben treten will. Und sie finden durch den Heiligen Geist zu einem echten und persönlichen Glauben, der sich im Alltag bewährt und Verantwortung für diese Welt wahrnimmt. Das geschieht (vielleicht kaum sichtbar), aber das ist euer Auftrag. Das ist das Ziel für das Schiff, das sich Gemeinde nennt.
 
Warum muss Paulus den Reichtum der Gemeinde betonen? Ist für die Gemeinde in Korinth dieser Reichtum vielleicht selbstverständlich geworden?  Oder hat diesen Schatz keiner mehr wahrgenommen, weil man sich nur noch um die  Problemchen dreht.
 
Ist uns der Reichtum der Gemeinde selbstverständlich geworden – und wir staunen gar nicht mehr darüber, was für ein großes Geschenk Gott uns macht? Manchmal ist dieser Reichtum auch verborgen, weil wir nur die Mängelliste vor Augen haben oder ein Idealbild von Gemeinde im Herzen tragen, das uns den Blick verstellt – auf das was Gott bereits geschenkt hat und schenken will. 
 
Jesus erzählt ein Gleichnis einem Schatz, der in einem Acker vergraben liegt. Er lobt den Menschen, der seinen Besitz aufgibt und diesen Acker kauft – und damit alles gewinnt.
Vielleicht müssen wir auch so manchmal unsere Mängellisten und Ideale aufgeben oder besser: Gott hingeben, um den Schatz zu entdecken, den Gott in unsere Gemeinde gelegt hat und unseren Augen verborgen bleibt.
 
Das bedeutet natürlich nicht: Wir dürfen nicht mehr davon sprechen, dass es in unsere Gemeinde an einigem fehlt. Vielleicht ist das manchmal auch absolut notwendig, um seinen eigenen Platz in der Gemeinde zu finden, seine Berufung. Ich denke, jede und jeder von uns kann etwas an unserer Gemeinde benennen, wo er sagt: das fehlt, das vermisse ich. Doch kann es nicht sein, dass Gott gerade dich beruft, dich einzubringen. Kann es nicht sein, dass er gerade dir die Gaben gegeben hat oder geben will. Dass er gerade durch dich die Gemeinde hier reich beschenken will. Und dass er deshalb gerade dir diese Sehnsucht aufs Herz gelegt hat.
Vielleicht weist der Mangel, den ich an der Gemeinde sehe, mich auf den Reichtum an Gaben, den Gott in mich gelegt hat, um mich mit ihm einzubringen? 
Deshalb fehlt euch keine der Gaben, 
die er in seiner Gnade schenkt. 
 

Bist du dabei?

Liebe Gemeinde
Eine Gemeinde, ja auch unsere Gemeinde in Betberg-Seefelden kann uns manchmal wie ein rostiges manövrierunfähiges Schiffswrack erscheinen, wo es an allen Ecken und Enden fehlt.
Doch an Paulus können wir lernen, mehr in ihr zu sehen: Die Gemeinde ist zwar eine Gemeinschaft von fehlerhaften Menschen. Doch in ihrer Mitte ist Gott gegenwärtig und schenkt Vergebung. Die Gemeinde ist zwar eine Gemeinschaft von Menschen, die sich immer wieder um sich selbst und ihre Mängel drehen. 
 
Doch in sie hat Gott den Reichtum seiner Gnade gelegt hat. Und er es ist ihre Aufgabe, diese Gnade zu entdecken, zu feiern, zu leben, in die Welt zu tragen und sie allen Menschen zu verkündigen. Und er will dazu gerade die Menschen benutzen, die unter dem Mangel leiden, und in die er eine Sehnsucht nach Veränderung gelegt hat. 
Bist du dabei? Wenn ja – dann sag doch dazu  „Amen“.
Amen.