25.09.2022: Ent-täuscht glauben (Mt 15,21-28 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)

Wenn Gott oder das Leben uns enttäuscht, müssen wir ent-täuscht  glauben und leben - befreit von unseren Täuschungen und Selbsttäuschungen. Warum das heilsam sein kann, davon handelt diese die Predigt über Mt 15,21-28. Hier gibt es die pdf-Version.

Predigttext

21 Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
(Mt 15,21-28 nach Lutherbibel 2017 © Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart)

Viele Fragezeichen

Wenn ich mit Schülern oder Konfirmanden Bibeltexte bearbeite, dann ermutige ich sie gern, Symbole an den Rand zu malen. Ein Ausrufezeichen steht für die Kernbotschaft, ein Herz für eine Aussage, die einem persönlich wichtig ist und das Fragezeichen für das, was man nicht so richtig versteht. Ich vermute, es gibt kaum eine Bibelstelle in den Evangelien, die so viele Fragezeichen sammeln würde:
Warum reagiert Jesus so kalt und abweisend? So kennen wir ihn doch gar nicht aus anderen Geschichten. Dort weint er vor Mitleid und ruft den letzten Gauner vom Baum.
Warum muss Jesus überredet werden? Hat er ein Problem mit Frauen oder mit Ausländern? Auch das passt nicht zu ihm. Er heilte Maria Magdalena und den Sohn eines römischen Hauptmanns.
Der Jesus, den wir kennen und schätzen, der ist in dieser Geschichte kaum wiederzuerkennen. Luther sagte von dieser Stelle: „Christus ist uns im ganzen Evangelium nirgendwo so hart dargestellt als hier.”

Gott enttäuscht

Man sollte bei dieser Geschichte nicht der Versuchung erliegen, sie zu schnell von hinten her zu lesen - also vom guten Ende her. Dann lösen sich die Spannungen zwar auf. Aber wir überspringen den Anfang. Doch gerade hinter diesen Versen stecken Lebens- und Glaubenserfahrungen, die wir nicht übergehen und ausblenden sollten. Ich möchte auf zwei Erfahrungen eingehen – es sind zwei Erfahrungen der Enttäuschung.
(1) Gott schweigt und (2) Gott hat einen anderen Plan für mein Leben.

1. Gott schweigt

Matthäus erzählt, dass Jesus sich ins Gebiet von Tyrus und Sidon zurückzieht. Das liegt nördlich von Galiläa im heutigen Libanon und war damals ein Gebiet, in dem nur wenige Juden und hauptsächlich Heiden wohnen. Die Lutherbibel übersetzt: „Er entwich”. Das ist treffend formuliert, denn in dem, was bald passiert, entweicht Jesus nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Er geht den Erwartungen der Menschen aus dem Weg. Er weicht aus.
Nun kommt eine kanaanäische Frau. Sie hat wohl schon von Jesus gehört. Jedenfalls hat sie Hoffnung und Vertrauen, dass er derjenige ist, der ihrer Tochter helfen kann und die Dämonen besiegt. Sie nennt ihn sogar „Sohn Davids“ - ein jüdischer Messiastitel! Ihr ganzes Vertrauen legt sie in diese Anrede, die gleichzeitig ein Bekenntnis ist: „Du bist der Retter, den Gott verheißen hat!”
Umso unverständlicher ist die Reaktion von Jesus: Im Bibeltext heißt es ganz kurz und knapp: „Er aber antwortete ihr kein Wort.“ (V.23). Kein Wort. Jesus schweigt. Wir wissen nicht einmal, ob er sie angeschaut hat.
Bei jedem Sozialkompetenztraining wäre Jesus durchgefallen mit dieser Reaktion! „Sie müssen lernen, ihre Bedürfnisse sozialverträglich zu artikulieren”, hätte ihm der Psychologe gesagt.
Dabei wäre es für ihn doch eine Kleinigkeit, hier zu helfen. Als der Hauptmann aus Kapernaum – auch er ein Heide – Jesus bittet: „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“, da spricht Jesus genau dieses Wort „Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast“. Warum hier nicht? Oder warum sagt er nicht wenigstens, warum er diese Bitte nicht erfüllt? Jesus enttäuscht, er schweigt.
Hinter dieser Erzählung können wir eine bittere Glaubenserfahrung erspüren. Es ist die Erfahrung: Gott schweigt.
Kennst du diese Erfahrung? Du stehst vor einer wichtigen und dringenden Entscheidung. Du fragst Jesus. Doch du bekommst keine Antwort. Oder: Du erlebst gerade eine schreckliche Zeit und wirfst dich mit deiner ganzen Not vor Gott. Du schüttest ihm dein Herz aus. Du fragst, warum. Doch Gott schweigt. Deine Gebete verhallen. Du liest in der Bibel, doch ihre Worte werden dir nicht lebendig. Die guten oder zumindest gut gemeinten Sätze von andere Christen erreicht dich nicht. Du hast das Gefühl, Gott hat sich zurückgezogen, er ist dir „entwichen“.
Sind das manchmal unsere Erfahrungen? Wenn ja, warum reden wir so selten darüber? Sie sind doch da! Die Bibel spricht da ganz offen: Hiob klagt, dass er Gott in seiner Not nicht finden kann: „Gehe ich vorwärts, so ist er nicht da. Gehe ich zurück, so spüre ich ihn nicht. Ist er zur Linken, so schaue ich ihn nicht. Verbirgt er sich zur Rechten, so sehe ich ihn nicht.“ (Hiob 23,8f)
Warum sind wir manchmal frömmer als die Bibel und reden nicht über solche Erfahrungen. Warum ist das für uns ein Tabuthema? Vielleicht wäre es gerade erbauend, von dem anderen zu hören: „Du, ich spüre gerade überhaupt nichts von Gottes Nähe. Er schweigt. Er ist mir fern. – Ich habe sogar leise Zweifel, ob es ihn überhaupt gibt“. Ich muss ehrlich sagen: Oft haben mich Christen, die von ihren Kämpfen und auch Niederlagen erzählen, mehr ermutigt als die Erfolgsgeschichten.
Oder ist das vielleicht gar nicht unsere Erfahrung? Dann führt Gott dich gerade über die grünen Auen des Lebens. Wunderbar. Aber Achtung, nicht enttäuscht zu sein, könnte auch trügerisch sein. Vielleicht empfinde ich Gottes Schweigen nicht, weil ich nicht oder selten erwarte, dass er konkret und persönlich zu mir redet? Es kling ziemlich unfromm: Von Gott enttäuscht zu werden, kann ein gutes Zeichen sein.  Denn es zeigt, dass ich wirklich etwas von ihm erwarte.

2. Gott hat einen anderen Plan für mein Leben

Zurück zur Geschichte und zur zweiten Enttäuschung: Jesus lässt die Frau erst einmal im Regen stehen. Doch die Frau gibt nicht auf. Sie läuft ihm hinterher und schreit ihm nach, ähnlich wie der blinde Bartimäus in Jericho – übrigens mit fast denselben Worten. Doch Jesus reagiert immer noch nicht. Es sind die Jünger, denen diese Angelegenheit langsam unangenehm wird:
„Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ (V.23-24)
Das sind die ersten Worte, die Jesus sagt. Im Klartext: „Diese Frau geht mich nichts an. Sie ist nicht mein Aufgabengebiet. Ich bin nur zum Volk Israel gesandt.“ Dabei hat er doch kurz vorher Sohn des heidnischen Hauptmannes geheilt“. Und sicherlich wusste er auch, dass Jesaja angekündigt hat: „Die Heiden werden auf seinen Namen hoffen“. Das wird sogar vier Kapitel vorher ausdrücklich im Matthäusevangelium zitiert - und zwar im Zusammenhang mit Heilungen (Mt 12,21).
Doch die Frau gibt nicht auf: „Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“
Jetzt wird es langsam unerträglich. Die Heiden als Hunde zu bezeichnen, war im damaligen Judentum üblich. Man dachte sich: Gottlose Heiden sind in Gottes Augen nichts anderes als Hunde: unrein und gefährlich. Doch dass Jesus auch so redet! Jesus sagt ihr unverblümt: Das Brot - also das Heil Gottes - gehört zuerst den Kindern, dem Volk Israel. Die Heiden sind jetzt nicht dran – zumindest noch nicht. Wieder eine Enttäuschung!
Was ist das für eine geistliche Erfahrung, die sich hier spiegelt?  Es ist die Erfahrung, dass Gott andere Pläne mit meinem Leben hat als ich. Dass andere sogar das leben dürfen, was ich mir für mein Leben gewünscht hätte. Andere dürfen als Kinder leben, ich werde wie ein Hund behandelt. Ich stehe hinten in der Schlange und bis ich an die Kuchentheke des Lebens komme, ist die Schwarzwälder Kirschtorte weg. Das ist die zweite Enttäuschung: Gott enttäuscht, weil er einen anderen Plan für dein Leben hat.
Kennst du diese Erfahrung? Lebenswünsche gehen nicht in Erfüllung. Lebensträume stürzen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Das Leben läuft in eine andere Richtung, als du es wolltest - Und Gott lässt es zu. Er greift nicht ein.  Dann bist du übrigens in guter biblischer Gesellschaft. Joseph landet im Gefängnis, David muss sich 14 Jahre in der Wüste verstecken, Jeremia endet im Kerker - und so weiter. Es gibt kaum eine biblische Gestalt, deren Leben von Gott nicht in tiefe und dunkle Täler geführt wurde.  Die Lebens-Perspektive, die Jesus dem Petrus nach der Auferstehung mitgab, war nicht: “Alles wird gut und einfach.” Sondern: „Ein anderer wird dich führen, wohin du nicht willst“.
James Dobson berichtet in seinem Buch „Wenn du Gott nicht mehr verstehst“ (When God makes no sense) von einem jungen Medizinstudenten. Er fand zum Glauben und wusste sich von Gott berufen, armen Menschen zu dienen. Einige Monate später kam die Diagnose: Leukämie. Kurz darauf war er tot. Ein Mensch, der Gott dienen wollte und sicherlich vielen anderen geholfen hätte. In diesem Buch sind zahllose solcher Beispiele. Doch wir kennen wohl genug aus unserem Umfeld.
Gott lässt zu, dass Ehen scheitern, das Paare kinderlos bleiben oder sogar werden, dass Menschen behindert und chronisch krank geboren werden, dass Menschen vom Glauben abkommen und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Gott lässt zu, dass der Arbeitsplatz wegfällt und die ganze Familie dran zu zerbrechen droht. Gott lässt es zu, dass unser Leben einen Riss bekommt – einen unheilbaren Riss, der schmerzt, sobald man ihn berührt.
Dass wir uns nicht falsch verstehen: Jesus erhört Gebete, Jesus heilt, Jesus tut Wunder – auch heute noch. Aber nirgendwo ist in der Bibel verheißen, er mit einem großen Besen vor uns her geht und uns jeden Weg frei räumt. Nirgendwo in der Bibel ist verheißen, dass er alle Krankheiten heilt und alle Probleme löst. Wir müssen nur richtig glauben und nicht zweifeln. Diese einfache Gleichung klingt fromm und vollmächtig, als würde man Gott dadurch die Ehre geben. Aber sie ist falsch und unbarmherzig. Letztlich sind wir selbst an unserem Elend schuld – weil wir nicht genug glauben oder gesündigt haben. Das ist Gesetz, kein Evangelium. Erst in Offb 21 heißt es, dass Gott alle Tränen abwischen und alles Leid beseitigen wird - aber eben erst in Offb 21, das heißt in der Ewigkeit – nicht schon der Zeit.

„Ent-täuscht“ Glauben

Was sollen wir tun, wenn Gott uns enttäuscht. Uns bleibt nichts anderes übrig, als “ent-täuscht zu glauben”. Das klingt nicht sehr geistlich. Aber achten Sie mal auf das schöne deutsche Wortspiel. Wer ent-täuscht ist, der wurde von Täuschungen befreit und einen Schritt näher zur Wahrheit geführt.
Wir können aus unserer Geschichte. ja von der kanaanäischen Frau, lernen, „ent-täuscht zu glauben“ - Glaube ohne Selbst-Täuschung, Glauben und Leben mit dem unheilbaren Riss in unserem Leben.

1. Gott die Antwort überlassen

Wenn wir Menschen enttäuscht sind, stellen in diesen Situationen automatisch die Warum-Frage: Gott warum greifst du nicht ein? Warum lässt du das zu? Auch in der Bibel wird diese Frage oft gestellt: Ich habe sie allein 11mal in den Psalmen und 12mal bei Hiob gezählt. Und wisst ihr, wie oft ich eine umfassende und allgemeine Antwort gefunden habe, die diese Frage klar und deutlich beantwortet? Kein einziges Mal.
Wir füllen diese Leerstelle gerne selbst aus und suchen unsere eigenen Antworten. Und die sind oft gnadenlos und unbarmherzig. In meiner ersten Gemeinde kam eine Frau zum Glauben. Kurze Zeit später wurde Krebs diagnostiziert. Sie starb innerhalb weniger Wochen – trotz vieler Gebete. Die menschlichen Erklärungen waren recht schnell da. So meinte jemand: Gott wollte sie heilen. Aber vielleicht hat sie gezweifelt oder vielleicht war da eine verborgene Sünde.
Wenn Gott die Frage offen lässt, wie könnten wir sie beantworten? Unsere menschlichen Antworten sind zwar oft gut gemeint, aber sie sind oft nicht mehr als frommer Kleister, der den Riss wieder zukleben will – anstatt ihn für Gottes Gnade offen zu halten.
Die kanaanäische Frau verliert sich nicht in der Warum-Frage! Sie quält sich auch nicht selbst mir ihrer eigenen Antwort.  Sie hängt sich einfach an Jesus und vertraut darauf, dass er allein die Antwort weiß. Ent-täucht glauben heißt: Ich quäle mich nicht selbst mit der Warum-Frage und überlasse Gott die Antwort. Vielleicht schenkt er sie mir im Laufe meines Lebens. Vielleicht werde ich sie erst erfahren, wenn ich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe. Dann, wenn er alle Tränen trocknet. Und in der Zwischenzeit widerstehe der Versuchung, selbst eine Erklärung zu stricken. Denn sie ist meist unbarmherzig.

2. Mit Gott ringen

Enttäuscht Glauben heißt auch, mit Gott zu ringen. Die kanaanäische Frau ist ein leuchtendes Beispiel für so einen ringenden Glauben. Sie läuft Jesus hinterher, sie wirft sich vor ihm nieder, sie diskutiert mit ihm über die Heilsgeschichte! Luther spricht immer wieder von einem “trotzigen” Glauben, der trotz aller Widerstände an Gott festhält - und sogar dann, wenn sich Gott selbst zum Feind zu werden scheint.
Denken wir an Jakob, den Stammvater des Volkes Israel. Er wurde von Gott überfallen, wie die Völker es damals von den Flussdämonen glaubten. Er kämpft die ganze Nacht mit ihm. “Wrestling mit Gott” hat ein Professor die Szene genannt. Er ringt um den Segen: “Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.” (Gen 32,27)
Wenn Gott schweigt und uns andere Wege führt, ist die Versuchung groß, uns von ihm abzuwenden. Luther sagte zu unserer Stelle: “Wenn Jesus solch ein Wort zu mir gesagt hätte, ich wäre schnell davongelaufen, und hätte gedacht: es ist umsonst was du tust, da es nicht zu holen.” Er bewundert diese Frau, denn sie bleibt dran.
Enttäuscht Glauben heißt, mit Gott um den Segen zu ringen, der in jeder Not aufbrechen kann. In der Not wird sich der Glaube bewähren. Er wird reifen. Gott wird das, was zerbricht, neu zusammensetzen. Das hat er verheißen und um diese Verheißung kämpfe ich mit ihm.
Viele Menschen machen die Erfahrung: In diesen schweren Zeiten erkenne ich, dass das Fundament, das ich mir selbst gelegt und auf das ich meine Identität gebaut habe, brüchig ist. Ich gebe mein falsches Selbstbild auf, das so sehr von Erfolg, von Perfektion, von Anerkennung oder heile Welt geprägt war, auf. Es hat Risse bekommen. Es ist auf Sand gebaut.
Aber diese Risse sind auch heilsam. Denn durch sie kann nun Gottes Gnade einfließen. Ich setze mein Ich aus den Bruchstücken meines Lebens neu zusammen - und diesmal auf dem Felsen der Gnade Gottes.

3. Die Klage wiederentdecken

Zu diesem Ringen gehört auch etwas, das wir Christen - im Vergleich zu unseren geistlichen jüdischen Vorfahren verlernt haben: Die Klage. Ent-täucht Glauben, heißt auch: Die Klage wiederentdecken.
Die Frau wirft sich vor ihn hin. Sie schreit ihm ihre Not ins Gesicht und hinterher! Und sie wird dabei sogar ziemlich frech! Sie macht dabei nichts anderes als die vielen Psalmbeter im Alten Testament. Die Art, wie hier mit Gott geredet wird, ist für unsere Ohren ungewöhnlich scharf. Mehr als die Hälfte der Psalmen sind Klagepsalmen. Sie gehen mit Gott nicht gerade zimperlich um - ohne Zensur und fromme Verkleidung. Hier wird der Riss in der Welt offengehalten und nicht verkleistert. Und wisst ihr das Beste: Die Überschrift über das Buch der Psalmen heißt „Loblieder“ (Tehillim) – obwohl mehr als die Hälfte Klagelieder sind.
Wenn wir vor Gott unsere Not klagen, ist es für ihn ein Loblied. Weil wir uns trotz unserer Verzweiflung und Enttäuschung an den einen wenden, der helfen kann. Weil wir ohne Schminke ganz ehrlich vor ihn kommen. Weil wir unser Herz vor ihm ausschütten.
Um es mal etwas überspitzt auszudrücken: Gott wird mehr geehrt durch die ehrliche Klage unseres Herzens, als durch den oberflächlichen Lobpreis unserer Lippen.
Gott lässt uns diese Zeit der Klage – egal wie lange sie dauert. Aber sie ist nicht der Endpunkt. Er will die Klage zum Vertrauen führen. Das ist ein Prozess – ein Weg, der seine Zeit braucht und auf dem es keine Abkürzung gibt.

4. Vertrauen, dass in Gottes Geschichte Platz für mich ist

Und das ist der letzte Aspekt. Enttäuscht glauben, heißt „gegen den Wind“ vertrauen, dass in Gottes Geschichte Platz für mich ist.
Jesus hatte zu der Frau gesagt: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Und die Frau antwortet nun: „Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“
Die Frau akzeptiert Gottes Plan, zuerst das Heil zuerst dem Volk Israel gilt. Aber: Sie vertraut darauf, dass da noch genug für sie übrig ist. Da fällt etwas vom Tisch der Kinder für die Hunde herunter. Und das genügt. So zu glauben, heißt darauf zu vertrauen: Gott hat andere Pläne, aber auch in ihnen habe ich einen Platz - mit meinen Bedürfnissen und meiner Geschichte, mit meinen Nöten und Ängsten. Gott führt einen anderen Weg – „wohin du nicht willst” (so wie Jesus zu Petrus sagte). Aber er führt mich doch zum Ziel. Und wenn ich von Brosamen satt werden muss, ich werde von ihm versorgt.
Jesus sagt: Das ist großer Glaube: nicht Gott in seinen Lebens-Plan einfügen, sondern sich ringend, klagend und vertrauend in Gottes Plan einfügen.  

Von Dämonen befreit

Wenn Gott enttäuscht, müssen ent-täuscht glauben - befreit von unseren Selbst-Täuschungen. Doch die Geschichte der kanaanäischen Frau zeigt uns, dass wir gerade so von unseren Dämonen befreit werden. Sie erinnert uns daran, dass die unheilbaren Risse in unserem Leben dazu gehören und erst in Ewigkeit geheilt werden, dass es aber auch heilsame Risse sind, durch die immer wieder Gottes Gnade in unser Leben einströmen kann.
Amen.
 
25.09.2022  Pfr. Dr. Dirk Kellner