20.11.2022: Richtungwechsel (Lk 7,11-17 - Pfr. Dr. Dirk Kellner)
Predigt an Ewigkeitssonntag 2022
Am Totensonntag denken wir an die Verstorbenen des letzten Kirchenjahres. Gleichzeitig wird dieser Tag auch Ewigkeitssonntag genannt. Er öffnet unseren Blick für die Macht des auferstandenen Jesus Christus. Die Predigt vom 20.11.2022 erzählt was passiert, wenn er seine "Hand an unsere Bahre" legt.
Die pdf-Version gibt es hier zum Download.
So sterben Königinnen
In diesem Jahr fand die weltweit am meisten beachtete Beerdigung statt. Im September nahm Großbritannien Abschied von Queen Elizabeth II - nach über 70 Regierungs- und 96 Lebensjahren. Hunderttausende standen an Londons Straßen, über 4 Milliarden verfolgten das Geschehen am Fernsehen. Rekord!
Der Trauerzug war bis ins kleinste Detail geplant. Der Ablauf mit den traditionellen Ritualen und Zeremonien war sekundengenau festgelegt - eine perfekte Choreografie, bei der jedes Kostüm saß und jede Bewegung genau einstudiert war. Zuvor hatte man alle Straßen mit Gittern abgesperrt und mit Betonblöcken gesichert. Nichts durfte den Trauerzug stören oder aufhalten.
So sterben Königinnen und Könige!
So stirbt ein junger Mann
Ganz anders war es bei einer Beerdigung vor fast 2000 Jahren. In einem kleinen Städtchen, völlig abseits der Weltöffentlichkeit wird ein junger Mann zu Grabe getragen. Wir kennen nicht einmal seinen Namen. Ein Trauerzug begleitet ihn aus der Stadt heraus. Statt englischer Noblesse gab es lautes Weinen und Klagen. Statt aufwendiger Kostüme und Frisuren sieht man zerrissene Kleidung und Asche auf dem Kopf - wie es damals üblich war. Dann wird dieser Trauerzug auch noch gestört und aufgehalten - und zwar so nachhaltig, dass hinterher gar keine Bestattung mehr stattfinden kann.
Ich lese aus Lk 7,11-17 (Basisbibel (c) Deutsche Bibelgesellschaft)
11 Danach zog Jesus weiter zu der Stadt Nain. Seine Jünger und eine große Volksmenge zogen mit ihm.
12 Als Jesus sich dem Stadttor näherte, wurde gerade ein Toter herausgetragen. Er war der einzige Sohn einer Witwe. Viele Leute aus der Stadt begleiteten sie.
13 Als der Herr die Witwe sah, bekam er Mitleid mit ihr und sagte: »Hör auf zu weinen!«
14 Dann trat er näher heran und berührte die Bahre. Die Träger blieben stehen. Jesus sagte: »Junger Mann, ich befehle dir: Steh auf!«
15 Da richtete der Tote sich auf und fing an zu reden. Und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück.
16 Alle wurden von Furcht erfasst. Sie lobten Gott und riefen: »Ein großer Prophet tritt unter uns auf! Gott ist seinem Volk zu Hilfe gekommen.«
17 Die Nachricht darüber, was Jesus getan hatte, verbreitete sich überall in Judäa und in der ganzen Umgebung.
Vom Leben zum Tod
Ohne dass man viel über die Mutter weiß, man kann ihren Schmerz und ihre Verzweiflung erahnen. Sie geht diesen Trauerweg nicht zum ersten Mal. Schon hinter der Bahre ihres Mannes musste sie hergehen. Sie war Witwe - allein. In der damaligen Zeit hieß das ohne Versorgung. Ihr Sohn war alles, was ihr blieb, auch ihre letzte Hoffnung auf ein einigermaßen würdevolles Leben. Nun wird auch er, mittlerweile ein junger Mann, aus dem Leben gerissen. Und wieder muss sie diesen schweren Weg gehen - diesmal hinter der Bahre ihres Sohnes her.
Das eigene Kind zu Grabe zu tragen, gilt in der Bibel als der tiefste Schmerz, den Menschen erleiden muss. Hiob ist daran fast zerbrochen. Es rüttelt an der Grundordnung der Welt wenn Kinder vor den Eltern sterben. Da gerät etwas durcheinander, was durch kein Mitleid und durch keine gut gemeinte Aufmunterung wieder in Ordnung kommt.
Die Einwohner des kleinen Städtchens teilen den Schmerz der Witwe. Sie gehen mit ihr diesen schweren Weg. Sie ist zumindest äußerlich nicht allein, auch wenn man innerlich in der tiefsten Trauer einsam bleibt. Gemeinsam gehen sie diesen Weg, aus der Stadt heraus zur Grabstätte. Sie liegt außerhalb der Stadttore. Der Weg der Trauer ist ein Weg aus dem Leben, ein Weg aus der Geborgenheit und aus dem schützenden Mauern des Alltags. Es ist ein Weg in die Zone des Todes, ein Weg ins Ungewisse und in die Verletzlichkeit.
Manche von uns mussten im zurückliegenden Kirchenjahr diesen Weg gehen. Der Tod eines nahen Angehörigen, eines vertrauten Menschen, wirft uns aus dem gewohnten Leben. Von einem Augenblick zum nächsten stehen wir draußen und müssen diesen schweren Weg des Abschieds gehen: vom Leben in die Zone des Todes, aus der Geborgenheit ins Ungewisse. Umgeben von anderen - und das ist gut so - und doch muss jeder diesen Weg für sich alleine gehen.
Vom Tod zum Leben
Unsere Geschichte erzählt sehr eindrücklich, dass es eine Gegenbewegung gibt. Während sich die eine Menschenmenge vom Leben zum Tod bewegt, kommt ihnen eine andere Menschenmenge entgegen, die vom Tod zum Leben unterwegs ist. In die Gegenrichtung. Es ist Jesus mit seinen Anhängern, umgeben von vielen Menschen. Sie begleiten ihn auf seiner Wanderung durch Israel. Wahrscheinlich fröhlich und zuversichtlich, mit Lobliedern und Dankgebeten auf den Lippen. Denn sie haben immer wieder erlebt: Jesus führt Menschen vom Tod zum Leben. Richtungswechsel!
Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen, Aussätzige werden heil. Menschen, die keine Hoffnung und Perspektive mehr hatten, bekommen neuen Mut. Menschen, die schuldig geworden sind, erfahren Vergebung und bekommen die Chance eines neuen Anfangs. Menschen, die den Kontakt zu Gott verloren haben, kommen wieder mit ihm in Berührung. Der Tod kann viele Gestalten und Schattierungen haben. Zu ihm gehört alles, was das Leben schwer macht und bedroht.
Die Menschen um Jesus haben erlebt: Wer ihm begegnet und sich von ihm helfen lässt, der wird vom Tod errettet - von dem, was das Leben schwer macht und bedroht. Wer mit Jesus verbunden ist, der kommt aus dem Tod ins Leben zurück - mitten in einer Welt, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegt.
Die Begegnung
Zwei Menschenmengen bewegen sich also aufeinander zu. Die einen in tiefer Trauer vom Leben zum Tod, die anderen in Freude und Gelassenheit vom Tod zum Leben. Beide prallen vor den Stadttoren aufeinander. Die Erzählung fokussiert sich nun ganz auf Jesus. Alle anderen werden erst einmal ausgeblendet: (7,13) Als der Herr die Witwe sah, bekam er Mitleid mit ihr und sagte: »Hör auf zu weinen!«
Wie oft im Neuen Testament wird betont, dass Jesus den Menschen in Not sieht. Dabei geht es nicht um ein oberflächlichen Hingucken und erst recht nicht um ein Anglotzen. Das ist mehr als unangenehm, gerade mitten in der Trauer. Es ist ein liebevolles Hinsehen, das bis ins Herz und in die innersten Gefühle schaut. Jesus sieht durch die verheulten Augen hindurch bis auf den Grund der Seele und sieht dort den tiefsten Schmerz - und zwar nicht besserwisserisch oder mit einer psychologischen Analyse, sondern voller Mitleid. Der Erzähler erwähnt das ausdrücklich und verwendet eine drastische Formulierung: Seine Eingeweide verkrampfen sich. Es bewegt Jesus also selbst im Inneren, wenn er Menschen in Not sieht. Er kann ihren Schmerz in sich selbst spüren. Sein Blick ist voller Liebe und Mitgefühl.
Zur Witwe sagt er: “Hör auf zu weinen!” Dieser Satz ist nicht lieblos gemeint, im Sinne von: „Heul nicht rum!” Es ist vielmehr eine Einladung: „Pass mal auf, was ich gleich tun werde! Vertraue mir!”
Weiter lesen wir (7,14): Dann trat er näher heran und berührte die Bahre. Die Träger blieben stehen. Jesus sagte: »Junger Mann, ich befehle dir: Steh auf!«
Jesus stellt sich dem Trauerzug in den Weg. In ihm, ja in seiner Hand treffen beide Bewegungen aufeinander. Die Kraft zum Leben berührt das Schicksal zum Tod. Richtungswechsel! Das Lukasevangelium erzählt diese Passage so verlangsamt, dass man sie fast schon vor seinen inneren Augen sehen muss. Im Film hätte man die Szene in Slowmotion gezeigt: Jesus, der neben die Bahre geht, der seine Hand ausstreckt und dann langsam, aber mit Nachdruck die Bahre mit dem toten Jungen berührt. Diese Berührung stoppt den Trauerzug. Die Sarg-Träger bleiben stehen, vielleicht nur aus Verwirrung. Aber deutlich spürbar ist: Wenn Jesus einen Menschen berührt, geht es mit ihm nicht weiter in Richtung Tod.
Nun spricht Jesus den Toten direkt an - so als wäre er gar nicht tot. Ja, in seinen Augen ist er es auch nicht. Denn die Toten sind für Jesus nur ein einziges Wort vom Leben entfernt. Die Schriftlesung hat uns daran erinnert: Wer seine Stimme hört, wird leben! (Joh 5,24-29) Und so spricht Jesus dieses eine Wort: “Steh auf!” (im Griechischen und Aramäischen ist es nur ein Wort). Und so lesen wir weiter (7,15): Da richtete der Tote sich auf und fing an zu reden. Und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück.
Viel unspektakulärer kann man das nicht erzählen. Jesus erweckt - quasi im Vorbeigehen - einen Toten zum Leben. En passant, würde der Schachspieler sagen. En passant schlägt Jesus den Tod k.o. - Schachmatt. Es reicht ein einziges Wort. Doch dieses Wort ist ein Machtwort. Was Jesus sagt, das geschieht auch. In Psalm 33,8 wird von Gott gesagt: „Er sprach und es geschah. Er gab den Befehl und alles war da.” Jesus hat die gleiche Macht, die Gott schon bei der Schöpfung zeigte: Ein Wort genügt, und alles wird neu!
Jesus handelt göttlich und bleibt gleichzeitig menschlich - im besten Sinn des Wortes. Er nimmt den jungen Mann nicht in seine Gefolgschaft auf. Er sagt ihm nicht: „Folge mir nach und erzähle, was geschehen ist!” Nein, er verliert die Witwe nicht aus dem Blick. Sie braucht ihren Sohn. Deshalb gibt er ihn seiner Mutter zurück.
Gegen die Endgültigkeit des Todes
Wir hören diese Geschichte heute am Ewigkeitssonntag. Auf unserem Trauerzug zum Grab kam uns keine fröhliche Menschenmenge entgegen. Keiner hat uns aufgehalten, unseren Verstorbenen auferweckt und uns ihn wiedergegeben. Wir müssen ohne ihn weiterleben. Auch in Zukunft wird das so sein. Wir werden Abschied von Menschen nehmen und sie zu Grabe tragen.
Und doch stellt sich Jesus uns in den Weg, wenn wir uns vom Leben zum Tod bewegen. Wenn das, was unser Leben einengt, schwermacht und bedroht, immer größer wird. Dann will er uns berühren, mit seinem Wort ansprechen und unsere Lebensrichtung drehen. So dass wir uns wieder vom Tod zum Leben zurückbewegen. Hoffnung schenken, Mut machen, Angst vertreiben, Schuld vergeben, Trauer überwinden. Das sind kleine Auferstehungen mitten im Leben. Richtungswechsel!
Was Jesus mitten im Leben tut, ist aber nur ein Vorgeschmack von dem, was er in der Ewigkeit tun wird. Jesus wird sich der Endgültigkeit des Todes entgegenstellen. Er wird alle rufen, die an ihn glauben. Er ruft sie zurück ins Leben und lässt sie zum ewigen Leben auferstehen. So bekennen wir es im Glaubensbekenntnis - die Konfis haben es gerade auswendig gelernt: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.”
Das ist ein abstrakter Glaubenssatz, aber es steckt so viel persönlicher Trost in ihm. Was das für mich persönlich bedeutet, will ich zum Schluss der Predigt erzählen: Den meisten in unserer Gemeinde ist bekannt, dass unser Sohn Jonathan schwer krank ist - aus medizinischer Perspektive unheilbar. Letztes Jahr dachten wir mehrmals, der Abschied sei gekommen. Er hatte heftigste Schmerzen und bewegte sich immer schneller auf dem Weg vom Leben zum Tod. Mehrmals haben wir ihn auf der Intensivstation Jesus in die Hände gelegt und gebetet: „Jesus, es ist auch dein Kind. Nimm ihn zu dir. Oder hilf ihm. Aber lass ihn so nicht weiterleiden!”
Im Rückblick muss ich sagen: Jesus hat seine Hand an die Bahre gelegt und den Weg zum Tod wieder verlangsamt. Er hat ihn uns wiedergegeben. Seit letztem Herbst ist er in einer Pflegeeinrichtung, die ihn sehr gut versorgt. Und dennoch schreitet seine Krankheit fort und wir bewegen uns mit ihm weiter auf dem Weg vom Leben zum Tod. Es ist ein sehr langer und langsamer Trauerweg - und auch unumkehrbar. Aber ich glaube fest, dass Jesus immer wieder auch jetzt die Hand an die Bahre legt und sagt:
“Ihr müsst diesen schweren Weg weitergehen bis zum Ende. Aber ich gehe mit und ich leide mit euch. Es bewegt mich im Innern. Ich stelle mich der Endgültigkeit des Todes entgegen mit der Macht meiner Auferstehung. Am Ende der Zeit werde ich Jonathan das zurufen, was ich allen zurufe, die an mich glauben: „Steh auf!” Er wird meine Stimme hören, sich aufrichten und wieder reden - und ich werde ihn euch wieder geben. Der letzte Richtungswechsel!
Und dann dürft ihr alle gemeinsam das erleben, was der Prophet Johannes über das ewige Leben schreibt (Offb 21,4-5):
Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen. Der auf dem Thron saß, sagte: »Ich mache alles neu.«“
Mit dieser Hoffnung sterben Königskinder!
Pfr. Dirk Kellner, Betberg 20.11.2022





