27.11.2022 Mit Ernst und Freude (Offb 3-14-21 - Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn)
1. Advent 2022, Seefelden
„Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt.“ „Tochter Zion, freue dich.“ Der Ernst und die Freude gehören zusammen. Wahre Freude, große Freude ist eine ernste Sache. Ernst werden: sich der Wirklichkeit stellen, nicht ausweichen ins Harmlose, Platz machen für die große Freude.
Deshalb gibt es diesen guten Tipp in der Kirche schon seit Jahrhunderten: Geht ernsthaft auf Weihnachten zu.
Eine Kirche, die den Ernst nicht ernst nimmt, ist nicht ernstzunehmen. Und fröhlich ist sie schon gar nicht.
Deshalb die strengen Bibeltexte im Advent. Heute der vielleicht strengste.
Offenbarung 3,14-22 (Übersetzung: Basisbibel)
Sieben Gemeinden in der westlichen Türkei im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts. Johannes wird zum Briefträger von sieben Briefen im Auftrag von Jesus. Der meldet sich etwa ein halbes Jahrhundert, nachdem Gott ihn von den Toten auferweckt hat, mit einer Gemeindeanalyse zu Wort. Sieben verschiedene Gemeinden, sieben Briefe, jeder anders. Manche Gemeinde wird ziemlich gelobt, bei anderen ist es ziemlich gemischt, aber hier bei der Gemeinde, die in Laodizea lebt, hat Jesus nur Kritik.
Wer einmal die Bergpredigt gelesen hat, weiß, dass Jesus gerne Komplimente macht. Selig sind, die geistlich arm sind.
Selig sind, die Leid tragen.
Selig sind, die Sanftmütigen.
Selig sind, die Barmherzigen.
Ein Kompliment nach dem andern. Sowas macht Jesus gern.
In Laodizea kann er das nicht.
„Ich bin drauf und dran, dich aus meinem Mund auszuspucken.“
Du täuschst dich über dich selbst.
Wir sind erst am Anfang der Kirchengeschichte, und schon begegnet uns die zur Selbsttäuschung fähige Kirche, die sich Illusionen macht über sich selbst.
Jesus lässt ihr ausrichten, dass er bei ihr durchblickt. Sie kann sich täuschen, ihn nicht.
„Du bist weder heiß noch kalt.“
Heiß ist prima. Eine heiße Tasse Tee nach einem Spaziergang Ende November.
Kalt ist prima. Ein Glas kaltes Mineralwasser Mitte Juli bei über dreißig Grad.
Vielelicht ist hier aber nicht gemeint: Kalt ist prima. Vielleicht steht „heiß“ für eine für Gott brennende Gemeinde, für heiße Liebe, und kalt für kalte Ablehnung. Warum dann der Seufzer: „Ach, wärst du doch heiß oder kalt!“? Vielleicht, weil aus entschlossener Ablehnung eher leidenschaftliche Liebe werden kann als aus Lauheit.
Aber ein lauwarmes Gesöff? Das schmeckt nie. Das ist eklig von Januar bis Dezember. Das spuckst du aus.
Jesus: So geht´s mir mit euch. - Die Gemeinde, die Braut Christi als Brechmittel.
Du sagst: Ich bin reich, wohlhabend und mir fehlt es an nichts.
Vordergründig stimmt es sogar.
Zweimal hatte ein Erdbeben die Stadt schwer beschädigt, im Jahr 27 und dann wieder 60 oder 61. Der Kaiser in Rom hatte finanzielle Hilfe zum Wiederaufbau angeboten, aber das hatten sie abgelehnt. Den Wiederaufbau zahlen wir selber. Wir schaffen das schon. Wirtschaftswunder à la Laodizea.
Wenn man durch die Stadt ging, sah man die Stoffe aus schwarzer Wolle, die hier produziert wurden und sich gut verkauften; da sah man, wo die Salben produziert werden, die gut für die Augen sind. Der Reichtum war unübersehbar.
Insofern stimmt es: Du sagst: Ich bin reich, wohlhabend und mir fehlt es an nichts.
Aber Jesus hält dieses Selbstbewusstsein für fehl am Platz.
„Dabei weißt du gar nicht, wie jämmerlich du eigentlich bist, bedauernswert, arm, blind und nackt.“
Du kriegst gar nicht mit, wie peinlich du dich benimmst. Du hast dich, ohne es zu merken, aus der Realität hinausmanövriert. Du hast keine Ahnung, was wirklich Sache ist. Du meinst, es geht dir blendend, aber es geht dir elend.
Ist das Problem von Laodizea Kompromissbereitschaft gegenüber heidnischen Kulten? Gibt es hier eine Mischung von Christlichem und Heidnischem? Da lag wohl das Problem. Die Gemeinde ist in dieser Hinsicht nicht entscheidungswillig.
Das ist für Jesus inakzeptabel, weil uneindeutig.
Der härteste Kritiker der Kirche sind nicht ihre Gegner – und sie hat harte Gegner (gehabt)! Es ist ihr Herr, Jesus selbst, und sein Wort.
Da kann einem bange werden. Und vielen ist bange geworden. „Ach, wie bin ich so lau!“ Jesus hätte ganz andere Nachfolger verdient als mich. Liebe muss doch brennen. Und meine Liebe? Ach, du liebe Zeit. Und diese Eindeutigkeit bringe ich nicht auf. Bei mir ist immer noch vieles so gemischt.
Wenn man so jemanden empfiehlt: „Lies doch mal die sechs anderen Schreiben. Da kommst du eher drin vor. Da kritisiert Jesus auch, aber er lobt auch; er ist viel differenzierter als deine verzagte Seele“: Die Leute würden wohl nicken, aber immer wieder beim Laodizeaschreiben landen und über ihre Lauheit nicht wegkommen.
Aber was steht da: Du sagst: Ich bin reich, wohlhabend und mir fehlt es an nichts.
Merkst du nicht, dass du das nicht sagst? Du sagst: „Ich bin arm, hilflos und mir fehlt es an allem.“
Merkt deine verwundete Seele nicht, dass Jesus dir etwas anderes zu sagen hat als: Meditiere deine Armut? Dass er mit dir anders sprechen will als mit denen in Laodizea?
„Komm einkaufen. Bei mir und umsonst. Du sollst nicht in dein Portmonee gucken und wieder und wieder feststellen, dass das nie und nimmer reicht. All das, was du dir nicht leisten kannst, kriegst du geschenkt.
Das weiße Kleid der Vergebung, das dir so gut steht wie nichts anderes.
Du hattest schon eins? Das ist ganz dreckig geworden? Das krieg ich wieder sauber.
Und du willst noch mehr Augensalbe? Du brauchst jetzt nicht noch eine Tube Augensalbe. Du brauchst eine Brille, dass du mich wieder klar siehst. Wie ich meine Arme nach dir ausstrecke! Wie ich dich an mein Herz drücken möchte.
Geläutertes Gold? Wer soll dir das denn geben als ich?“
Einkaufen bei Jesus ist eben ein ganz besonderer Einkauf. Du kannst das Unbezahlbare nicht bezahlen, und du sollst das auch nicht müssen.
Und selbst wenn du wärst wie die in Laodizea, die schickt Jesus doch gerade auch zum Einkaufen. Auch die will er bei sich haben und schenken, schenken, schenken.
Es kann dann schon sein: Du kannst nicht mehr an der Sparkasse vorbeilaufen, ohne dich zu erinnern, dass Jesus dich für bettelarm hält. Du kannst nicht mehr vor dem Schaufenster einer Boutique stehen, ohne dass die einfällt, dass du noch ganz andere Kleidung brauchst. Du kannst nicht mehr in die Drogerie gehen, ohne an Augensalbe zu denken.
Aber du sollst jedes Mal wissen, dass er dich zu sich hereinbittet und dir gut ist wie sonst niemand.
Dann zitiert der auferstandene Jesus aus der Bibel, seinem Lieblingsbuch. Aus Sprüche 3 (Vers 12): „Alle, die ich liebhabe, weise ich zurecht und erziehe sie streng. Mache also ernst und ändere dich.“
Die radikale Konfrontation mit dem allzu selbstgewissen Laodizea kam aus Liebe.
„Hätte ich dich denn lieb, wenn ich alles laufen ließe, deine blöde Prahlerei überhören würde, jedem Blödsinn, den du machst, Beifall klatschen würde?“
Der kritische Jesus ist der liebevolle Jesus.
Deshalb ist jetzt Eifer angesagt in der Gemeinde von Laodizea. Lauft nicht weiter in die falsche Richtung. Kehrt um.
Zum wirklich reichen Jesus. Der will euch euren eingebildeten Reichtum nicht nehmen, um euch arm zu machen. Er will euch wirklich reich machen. Er hat mehr Interesse an euch, dass euer Leben gelingt, als ihr selbst habt.
Und dann kommt ein Satz, der hat schon viele Christenmenschen erschüttert:
„Ich stehe vor der Tür und klopfe an.“
Jesus steht da, wo er bei Christens nicht hingehört: draußen.
„Natürlich ist er bei uns drinnen!“
„Dann guck mal vor der Tür, wer gerade geklingelt hat.“
Das Schlimme ist, dass der, der reingehört, draußen steht. Das Wunder ist, dass der, den die Gemeinde ausgesperrt hat, rein will. Er will bei denen drinnen sein, die eben noch so großkotzig ihren mangelden Realitätssinn gezeigt haben.
Und dann kommen Worte, die scheinbar gar nicht passen.
Er lädt sich zum Essen ein und ist so höflich, dass er fragt, ob jemand ihm die Tür aufmachen kann.
Er bittet um Tischgemeinschaft, die eine Gemeinschaft auf Dauer ist. Kein Zufallstreff an der Pommesbude, und nach der Currywurst geht jeder wieder seine Wege.
„Wir gehören zusammen. Auf Dauer. Wir sind die Unzertrennlichen.“
Luther hat übersetzt „und das Abendmahl mit ihm halten“. Gemeint ist hier nicht speziell das Abendmahl, sondern hier die normale Mahlzeit, die man gegen Abend einnimmt.
Und als wäre es noch nicht genug – es ist ihm noch nicht genug! – geht er vom Bild des Essens weiter zum Bild vom Regierungssitz. Ich will sogar mein Regieren mit euch teilen. Das ist schwer vorstellbar, aber es steht da. Jesus formuliert manchmal seine Versprechen geradezu unglaublich groß, damit wir Kleingläubigen ihm wenigstens ein bisschen glauben.
Die ganze Ansprache lebt vom Siegeswillen Jesu, der die Gemeinde in Laodizea als Sieger sehen will. Wenn einer nicht aufgegeben hat, dann er, und jetzt müssen sie auch nicht aufgeben.
Den Anfang des Textes habe ich Ihnen bis zum Schluss vorenthalten.
„So spricht der, der das Amen ist – der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang von Gottes Schöpfung.“
Es spricht der, der so unbedingt verlässlich ist, dass man ihn „Amen“ nennen kann. Der, der keine leeren Versprechungen macht, sondern die Macht hat, sie einzulösen.
Der vom Anfang der Schöpfung dabei war. Mit dem habt ihr es zu tun.
Früher hat man gesagt, wenn man betonen wollte, dass etwas unverbrüchlich gilt: „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ Inzwischen haben manche gemerkt, dass das Amen in der Kirche auch nicht mehr so sicher ist.
Aber er, er bleibt der Amen, an dem man wieder Zuversicht kriegen kann.
So sicher wie das Amen in der Kirche?
Viel sicherer.
Amen.





