4.6.2023: Der Charme der Heiligkeit (Jes 6,1-8 - Pfr. Dr. Eckhard Hagedorn)
So etwas ist Ihnen noch nie passiert? Dann seien Sie froh! - So etwas wünscht man sich nicht. Das setzt man sich nicht selbst auf die Tagesordnung.
Da ist etwas passiert, das war für den, der es erlebte, nicht zum Aushalten.
Jasaja begegnete dem heiligen Gott. Der ist so anders als er. „Weh mir, ich vergehe! Ich sterbe.“
Sagen Sie bitten nicht zu schnell: „Das war ja bloß eine Vision.“ Was heißt hier „bloß“? Das hat den Mann zutiefst erschüttert und ihn den Rest seines Lebens nicht mehr losgelassen.
Vision heißt hier nicht: menschliche Phantasie, Gedanken von Jesaja über Gott.
Es ist umgekehrt: Gott hat Jesaja einen erschütternden Blick in die Wirklichkeit tun lassen.
„Im Jahr, als König Usija starb“, also 736 vor Christus, von heute aus gerechnet vor 2758 oder 2759 Jahren. Das wird sozusagen mit Rot im Kalender angestrichen, damit es keiner mehr vergisst. Wirklichkeit, die alle angeht.
Jesaja sieht den Tempel. Den kennt er. Er sieht Rauch und spürt, wie die Türschwellen erzittern, aber er sieht noch mehr, den Mittelpunkt der Wirklichkeit: Gott auf dem Thron, um ihn herum geheimnisvolle Gestalten, wie ein Hofstaat, Wesen wie brennend - das steckt im hebräischen Wort Serafim – die rufen aus: „Heilig, heilig, heilig“.
Vielelicht haben Sie über Serafim noch nicht oft nachgedacht, aber gesungen haben Sie schon von ihnen, im Lied Großer Gott, wir loben dich (EG 331), Strophe 2:
Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Serafinen,
stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen,
rufen dir stets ohne Ruh: „Heilig, heilig, heilig!“ zu.
Merken Sie, das klingt viel braver, als Jesaja es erlebt hat. Das kann man aushalten und mitsingen. Gut, wenn man merkt: Als Jesaja das erlebte, war es nicht zum Aushalten.
Gott empfängt das Lob der himmlischen Mächte, und niemand sägt an seinem Thron; ihn setzt keiner ab. Gott ist der einzige nicht Fragwürdige. Jesaja ist höchst fragwürdig: „Ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen.“ Ich komme von da, wo dumm geschwätzt wird, gerade auch über Gott, wo Reden ganz schnell zur Ausrede wird, zur Flucht vor Gott. – Und das Stichwort „unreine Lippen“ steht für den ganzen Menschen. So sind wir.
Bei uns in Deutschland ist es eher umgekehrt. Gott ist den Leuten fragwürdig geworden, sie selbst geben sich selbstbewusst. Verrückte Sachen passieren da.
Da sagte einer: „Ob es Gott gibt, weiß ich nicht. Aber wenn es ihn geben sollte, steht er bestimmt auf meiner Seite.“ Du kluger, dummer Mann: Woher weißt du das? Was in aller Welt gibt dir einen Grund für deine Sicherheit?
Mit einem anderen hatte man drüber gesprochen, dass soviel geweint wird. Da hat er gesagt: „Ich könnte auch weinen. – Aber nicht über das Elend in der Welt. Ich könnte vor Rührung über meine Güte weinen.“ Au weia! Auf welchem Planeten lebt der denn?
Das Gefühl, das den Jesaja packt, ist ein Kontrastgefühl: Gott ist so anders als wir, so rein, so stabil, so hell. An diesem Kontrast gehen wir zugrunde. Das alles sind wir nicht.
Eigentlich ist das ein Schlusswort. Er müsste jetzt ja zugrunde gehen.
Aber: 6Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, 7und rührte meinen Mund an und sprach:
Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen und deine Sünde gesühnt sei.
Der Altar im Jerusalemer Tempel ist damals der Mittelpunkt der Welt gewesen, die Stelle, wo Gott den Menschen am intensivsten begegnet ist. Das von Gott selbst ausgesuchte Begegnungszentrum, das Gemeinschaftshaus. Von da aus passiert jetzt das Überraschende.
Manche sagen: Hier passiert Buße, und Buße tut weh.
Aber im Text steht überhaupt nicht, dass das wehgetan hätte. Und das Ergebnis dieser Berührung wird überaus positiv benannt: Hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen und deine Sünde gesühnt sei.
Mir ist es ganz wichtig, dass wir uns hier nicht ausklinken, sondern dass das Wort „entsühnen, Sühne“ so positiv bleibt, wie es hier gesagt wird. In Deutschland könnte es bei der Wahl des Unwortes des Jahres auf den vorderen Plätzen landen.
Ein Wort auf der „Das-darf-man-nicht sagen-Liste“. Da heißt es sofort: Das passt zu einem blutrünstigen Gott, der verlangt Sühne, und mit sowas und so einem wollen wir nichts zu tun haben. Man hat da schon seit Jahrzehnten, ein Schwerpunkt lag nach dem 1. Weltkrieg, von allen möglichen Göttern, Kulten und Religionen auf den Gott der Bibel geschlossen. Ergebnis war ein Überlegenheitsgefühl der modernen Protestanten. Unsere Religion ist viel geistiger und hochstehender. „Sühne“- igittigitt!
Stellen Sie sich mal vor, jemand käme auf den Gedanken, die vielen, vielen Bibeltexte, in denen es um Sühne geht, unter dem Aspekt zu lesen: „Liebe macht erfinderisch.“ Das wäre ungewohnt, aber zu den Texten würde es passen. Auch hier bei Jesaja: Die Initiative geht von Gott aus, der lässt den Serafen mit der Kohle auf Jesaja los, nicht um ihn zu verbrennen. Sondern damit Jesaja hinterher dasteht als ein Reiner, dem Gott vergeben hat.
Das hat im Leben dieses Mannes nachgewirkt. Jesaja hat Gott oft den „Heiligen Israels“ genannt.
Jesus hat das Jesajabuch sehr geliebt und ist in dieser Spur weitergegangen. Das war auch für ihn Licht auf seinen Weg. Von daher hat er sich sagen lassen, wofür er da ist.
Und der Jüngerkreis, die Schüler vonJesus? Petrus hat da etwas gemerkt: Er hat einmal zu Jesus gesagt: „Du bist der Heillige Gottes“ (Joh 6,69). Und es ist ausgerechnet der Heilige Gottes, der Worte des ewigen Lebens hat, der so mit uns spricht, dass das beste Leben von allen nach uns greift. Aus dem völlig berechtigten: „Wehe mir, ich vergehe“ wird das „Hier, das Leben von Gottes Qualität – für euch.“
Ein paar Jahre später schreibt Paulus Briefe an die frühesten christlichen Gemeinden. In denen redet er die Leute Mit „Heilige“ an. „An die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heilgen“ heißt es da zum Beispiel (1 Kor 1,2).
Gottes Heiligkeit schafft Heilige!
Von daher bitte Vorsicht mit Formulierungen wie: „Gott ist die Liebe. Er ist aber auch heilig.“ „Aber auch.“ Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht! Aber-auch-Sätze können vieles kaputtmachen.
Es ist der heilige Gott, der so liebt. Es ist der liebende Gott, der so heilig ist.
Ich möchte kurz von drei Menschen berichten, denen das passiert ist. Sie werden merken: Hier geht es nicht so dramatisch zu wie bei der Vision des Jesaja, aber es geht heilig zu, liebevoll, gut, und es hat Langzeitwirkungen.
Ein Manager, der gutes Geld verdiente und vom Christentum nicht viel hielt. Er hatte ein paar Leseversuche in der Bibel gemacht. Ergebnis: Nichts für mich. Er war schon Mitte vierzig, da luden Freunde ihn und seine Frau zu einer christlichen Wochenendtagung ein, gut hundert Kilometer vom Wohnort entfernt. Als sie Sonntagabend wieder nach Hause gefahren waren und er den Wagen in die Garage stellte, fragte seine Frau: „Was ist denn mit dir los?“ „Wieso?“ „Du hast die ganze Fahrt nicht ein Wort geredet.“ Sowas war bei ihm sonst nie vorgekommen. Er knurrte jetzt nur einen Satz: „Der Hund hat mich mitschiffs getroffen.“ – Am inneren Rumoren zeigte sich in den nächsten Wochen: In einem Gespräch mit dem Tagungsleiter war die Wirklichkeit Gottes in sein Leben eingebrochen. Einer, der das gar nicht vorgehabt hatte, hatte es mit Gottes Heiligkeit zu tun gekriegt. Es folgten Wochen des Herantastens, des Erschreckens und der Annäherung. - Ich habe das Ehepaar Jahre später als fröhliche, inspirierende Christenmenschen kennengelernt.
Auch die nächste Geschichte ist wirklich passiert. Sie können sich aussuchen, ob Sie diesen JugendlichenBettina oder Manuel nennen, dann ist auf jeden Fall dem Datenschutz Genüge getan. Bettina / Manuel: Konfiunterricht normal. Man bringt´s halt hinter sich, so auch die Konfirmation. Zum Jugendkreis gegangen. Nicht aus Interesse am Glauben, sondern weil da ein paar Gleichaltrige waren, mit denen ließ sich was anfangen. Die christlichen Inputs waren kurz, die konnte man in Kauf nehmen, Hauptsache, der Rest war o.K. Nach und nach aufkeimendes Interesse, Bettina / Manuel beteiligte sich bald auch an den Diskussionen im Jugendkreis. Schließlich das, was man mit dem schönen Wort „Bekehrung“ nennt, der Entschluss: Mein Leben gehört Jesus. Anschließend aber nicht Freude, Musik und Fun, sondern der immer stärkere Eindruck: Ich passe nicht zu Jesus. Das kann doch gar nicht klappen. Der und ich: Das geht doch gar nicht.
Und nach und nach: Doch, das geht! Der liebt mich so sehr, der kriegt das hin. Heiligkeit Gottes, Gott ganz in der Nähe, über alle Maßen gut.
Die dritte Person: ein junger Pfarrer. Talentierter Mann, von Anfang an geht das Predigen wie´s Brezelbacken. Der hat´s einfach drauf. Aber dann ein Gespräch mit einem älteren Kollegen, der kritisiert ihn massiv. - Die nächste Predigt kommt. „Es fiel mir zum ersten Mal schwer, von Gott zu reden – so gern ich das sonst tat. Ich hatte in der zurückliegenden Woche einen tiefen Eindruck empfangen von der Heiligkeit Gottes. Es ist einerlei, was wir von ihm denken und wie wir von ihm reden. Er hört zu. Wir haben es vor ihm zu verantworten. Seitdem predige ich anders.“
Die Kirche lebt von den von Gott erschütterten Leuten. Was wäre das für eine Kirche, die sich von vielem und vielen erschüttern ließe, aber nicht mehr von Gott selbst? Sie würde banal. Darauf können die Leute verzichten.
Noch einmal Jesaja:
8Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!
Das ist eine Antwort, keine Bewerbung. Nicht: Jesaja macht Gott klar, dass der ohne ihn nicht auskommt.
Sondern: Was ich da erfahren habe, deine Heiligkeit und wie du mich von meiner Sünde gereingt hast, das ist so unsagbar gut. Da kann ich mich dir doch jetzt nicht vorenthalten und tun, als hätte ich nichts gehört.
Zum Schluss:
Vor gut zehn Jahren gab es einen Film über die Benediktinermönche im Kloster Beuron, das liegt zwischen Tuttlingen und Sigmaringen. Und im Film eine Szene, da zitierte Pater Benedikt Schwank, schon über achtzig, ein Gebet: „Ja, du bist heilig, großer Gott, du bist der Quell aller Heiligkeit.“ Und er strahlte übers ganze Gesicht. Der war ganz glücklich, so beten zu dürfen. Das Gebet formulierte das Glück seines Lebens. „Ja, du bist heilig, großer Gott. Du bist der Quell aller Heiligkeit.“ Ich kannte Pater Benedikt. Das hatte der wirklich so glücklich gemeint, wie es ausgesehen hatte.
In einem seiner Bücher fand ich eine Formulierung, die hatte ich noch nirgends gelesen. Er schreibt dort vom „Charme der Heiligkeit.“ Was uns erschüttert und zeigt, wie wir überhaupt nicht zu Gott passen, das kann Gott in etwas Anziehendes verwandeln.
„Ja, du bist heilig, großer Gott, du bist der Quell aller Heiligkeit.“
Amen.





